Wie mir auf den Philippinen mein Helfer-Syndrom ausgetrieben wurde
Ein persönlicher Erfahrungsbericht
Vorweg: Alles, was ich hier schreibe, ist meine persönliche Meinung, entstanden aus jahrzehntelangen Erfahrungen auf den Philippinen. Ich respektiere jeden, der anders empfindet, der noch helfen möchte, der das alles nicht sehen kann oder will. Hilfe an sich ist nichts Schlechtes – wir helfen selbst, vor allem innerhalb der eigenen Familie, wo es mehr als genug Bedarf gibt, der längst nicht immer gedeckt werden kann.
Als ich 1976 das erste Mal auf die Philippinen kam – und auch in den ersten Jahren nach meiner Auswanderung – wurde ich durch die Brutalität des Alltags regelrecht wachgerüttelt. Dinge, die für mich als Mitteleuropäer kaum vorstellbar waren, gehörten hier zum normalen Straßenbild.
Ein Erlebnis hat sich besonders eingebrannt:
Ein weinendes Kleinkind saß auf einer Pappe an einer extrem engen Stelle des Gehwegs. Jeder Fußgänger musste dort vorbei. Manche warfen ein paar Münzen auf die Pappe. Ich war erschüttert. Ein paar Meter weiter stand ein Polizist. Ich sprach ihn an, versuchte ihm zu erklären, dass hier eingegriffen werden müsse, dass Behörden informiert werden sollten. Er sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. Der Polizist erklärte mir, dass der Vater oder die Mutter irgendwo ganz in der Nähe ist und das Kind beobachtet, um gleich die Almosen einzusammeln.
Einige Monate später, später Vormittag, Markt. Mehrere uniformierte, bewaffnete Polizisten luden mich spontan auf ein Bier ein. Mein Trauzeuge war Kommandant dieser Polizeiwache, also ließ ich mich breitschlagen. Kurz darauf kam eine Frau mit einem Baby auf dem Arm an unseren Tisch und fragte mich ganz offen, ob ich ihr das Kind abkaufen wolle – sie brauche dringend Geld. Ich hielt es zunächst für einen schlechten Scherz. Die Polizisten bestätigten mir nüchtern, dass sie die Frau kennen und dass sie es vollkommen ernst meinte.
Solche Zusammenstöße mit meiner europäischen Mentalität gab es viele. Erst über Jahre passte sich mein Denken langsam an die Realität eines Dritte-Welt-Landes an. Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl waren mir durch Erziehung und Schule anerzogen worden – hier funktionierten sie oft nicht so, wie ich es erwartet hatte.
Viele Jahre später kam ein guter Freund auf mich zu, tätig im deutschen Pflegedienst. Er wollte in Deutschland einen gemeinnützigen Verein gründen, ich sollte auf den Philippinen schauen, wo Hilfe nötig wäre.
In der entfernten Familie meiner Frau lebte ein kleines Mädchen, das ohne Speiseröhre geboren worden war. Nach Gesprächen mit den Eltern, dem Hausarzt und einem Arzt in einem Krankenhaus in Manila wurde eine Operation mit 30.000 Euro veranschlagt. Bis das Geld zusammenkäme, übernahm ich monatlich die laufenden Kosten für Essen, Hygieneartikel und Ähnliches. Wenige Monate später fand sich in Deutschland eine Organisation, die bereit war, den gesamten Betrag zu übernehmen. Der einzige, der sich gegen die Operation aussprach, war der Hausarzt – seine Bedenken wurden beiseitegeschoben.
Das Geld wurde nach Manila überwiesen. Zusätzlich sammelte ich Geld für den Flug von Mutter und Tochter von Cagayan de Oro nach Manila. Am Abreisetag brachte ich sie selbst zum Flughafen.
Was ich jetzt schildere, erfuhr ich erst viel später von der Mutter und anderen Verwandten:
In Manila wurden Mutter und Kind von drei katholischen Priestern in einem Mitsubishi Montero Sport abgeholt. Man wollte sie in ein Haus bringen, das täglich über 4.000 Peso kosten sollte. Die Mutter konnte sich dem entziehen und kam stattdessen bei Verwandten unter.
So viel zur Unterstützung durch die katholische Kirche.
Hinzu kam die philippinische Mentalität, mit der wir nicht gerechnet hatten. Der Ehemann war entsetzt, dass für ihn kein Flug gebucht worden war. Die Familie war arme Kleinbauern in Mindanao. Also verkaufte er seinen Wasserbüffel – im Grunde alles, was sie an Wert besaßen – und reiste mit dem Schiff seiner Frau und seinem Kind hinterher. Seine Begründung: Sie könnten ja von einem anderen Mann angesprochen werden.
Wie es kommen musste – und wie der Hausarzt es vorausgesagt hatte – starb das Mädchen wenige Monate später.
Eine andere Geschichte, die ich selbst nicht miterlebt habe, aber um 2005 über ein kleines Forum erfuhr:
Auf der Insel Daram sollte für ein Dorf eine Schule gebaut werden. Alles lief gut, bis es um den Kauf der Baumaterialien ging. Der Barangay-Captain bestand darauf, dass sämtliches Material ausschließlich über ihn bezogen werde, zu überteuerten Preisen. Als sich der Helfer weigerte, eskalierte die Situation. Er musste die Insel schließlich bei Nacht und Nebel verlassen, weil sein Leben nicht mehr sicher war.
Ein weiterer Fall ereignete sich kurz nach der Geschichte mit dem Mädchen:
Eine Syrerin kontaktierte mich über das Forum. Ihre Nichte wollte nach bestandenem Abitur auf die Philippinen, ausgerechnet nach Cagayan de Oro, um sich einer deutschen Organisation anzuschließen, die mit Straßenkindern und Kindern im Gefängnis arbeitete. Sie fragte mich, ob ich während ihres Aufenthalts ein Auge auf sie haben könne.
Die junge Frau suchte sich ein Zimmer in unmittelbarer Nähe der Organisation – in Barangay 17, der wohl kriminalitätsbelastetsten Straße der Stadt. Sie wurde vorab gewarnt, bestand aber darauf. Die Polizei behielt sie während ihres Aufenthalts im Blick, sie war also relativ sicher. Erstaunt stellte sie jedoch fest, dass man sie dort am liebsten wieder losgeworden wäre. Der deutsche Betreiber war nicht vor Ort. Am Ende stellte sich heraus, dass die Kinder, die dort täglich verköstigt wurden, überwiegend die Kinder der Angestellten der Organisation waren.
Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte ich 2011 nach dem Tropensturm Sendong, der große Teile von Cagayan de Oro zerstörte und über tausend Menschen das Leben kostete. Am Morgen danach suchten wir in Barangay Tibasak die Schwester meiner Frau und ihre Familie. Das Wasser war bereits zurückgegangen, die Straße wieder befahrbar. Überall Schlamm, Trümmer – und entlang der Kapellen lagen notdürftig abgedeckte Tote, mit Planen oder Bananenblättern. Weinende Angehörige erkannten ihre Verstorbenen.
Ich stand hinten auf unserem Multicab, als ich das Fahrzeug des Erzbischofs von Cagayan de Oro erkannte. Er hielt nicht bei den Kapellen an. Er fuhr weiter zu einem Sammelplatz, wo alles für eine Messe vorbereitet war, um die Überlebenden zu segnen.
Verzeiht mir die Offenheit: Segnungen mit Wasser und Worten kosten nichts. Essenspakete und Trinkwasser hatten andere Organisationen dabei.
All das hat meine Überzeugung gefestigt, dass sich die Philippinen sehr wohl selbst helfen könnten – wenn man es denn wollte. Stattdessen nutzen große Teile der Bevölkerung, aber auch staatliche Strukturen, die Hilfsbereitschaft von Ausländern aus. Weil die ja so gerne helfen.
Bestärkt wurde ich darin im letzten Jahr zufällig in Dumaguete City. Die Stadtverwaltung veranstaltete ihre Weihnachtsfeier: Tische und Stühle für rund 2.000 Personen, Bühne, Verstärkeranlage, fein gedeckte Tische, teilweise mit vergoldetem Besteck. Jede Abteilung bekam ein Spanferkel. Bei einer Tombola wurden Motorräder, E-Scooter, Großraumkühlschränke, Klimaanlagen, Karaokeanlagen, Gaskocher und mehr verlost.
Teile davon sind in meinem Video zur Vorweihnachtszeit in Dumaguete zu sehen (ab Minute 11:19, ohne diese Bewertung):
Kein Wunder, dass Ladenbesitzer, Marktstände und Kleinbetriebe diesem Treiben mit gerunzelter Stirn zusehen – sie müssen im Dezember ein 13. Monatsgehalt zahlen, im Januar Steuern und neue Gewerbeerlaubnisse. Und jene Menschen, die gar keinen Job haben, stehen fassungslos daneben.
Das alles hat mir über die Jahre mein Helfer-Syndrom gründlich ausgetrieben.