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Die Philippinen
Ehrengast der Buchmesse: Über ein zerrissenes Land nach der brutalen Duterte-Herrschaft

Die Philippinen sind Ehrengast der Frankfurter Buchmesse | Bild: hr
Der renommierteste Autor des Landes, Jose Dalisay, schreibt seine Romane und Kolumnen in Englisch, seine Theaterstücke aber in Tagalog, denn da ginge es mehr um Dialog und eine gesprochene Sprache. Zwei seiner Romane sind auf Deutsch erschienen: „Last Call Manila“ und „Killing Time in a Warm Place“ (Transit Verlag).
Immer wieder setzt er sich mit typisch philippinischen Erfahrungen auseinander. „Last Call Manila“ ist die Geschichte einer Migrantin, die wie viele Millionen andere als billige Arbeitskraft im Ausland Geld verdient, um es auf die Philippinen zu schicken. Der zweite ins Deutsche übersetzte Roman „Killing Time in a Warm Place“ beschreibt die Zeit unter dem Diktator Ferdinand Marcos. Eine junge Generation, die Jahre unter Kriegsrecht gelebt hat, rebelliert. Nachdem Student:innen inhaftiert, gefoltert und einige sogar hingerichtet wurden, stirbt die Rebellion, und der Opportunismus macht sich breit. Eine Diktatur funktioniere nur mit einem Volk, das die Diktatur akzeptiere, das sei das zugrundeliegende Thema, sagt Dalisay.
Auch sie hat ein dunkles Kapitel philippinischer Geschichte in den Blick genommen: Die Journalistin Patricia Evangelista hat die brutalen Jahre der Präsidentschaft von Rodrigo Duterte aufgearbeitet. 2016 bis 2022 führte er einen mörderischen „Anti-Drogenkrieg“ gegen sein Volk und gegen missliebige Politiker:innen und Journalist:innen. Circa 30.000 Morde sollen es am Ende gewesen sein.
Patricia Evangelista arbeitete damals für das Investigativ-Magazin „Rappler“. Sie untersuchte einige dieser Todesfälle, die als „außergerichtliche Tötungen“ bezeichnet und akzeptiert wurden. Oft war der Tatort manipuliert, damit die Polizist:innen die Erschießung des Delinquenten als Notwehr darstellen konnten. Patricia Evangelista recherchierte, dass die Polizei auch Gangster beauftragte, mit Namenslisten losschickte und sie pro Mord entlohnte. Das brachte Evangelista selbst in Gefahr. Sie musste das Land zunächst verlassen.
In dieser Zeit begann sie ihr Buch zu schreiben. „Some People Need Killing“ (CulturBooks Verlag) ist beindruckend, erschütternd und ein erzählerisches Meisterwerk. Sie schreibt nicht nur über ihre recherchierten Fälle, sondern auch über die Akzeptanz der Morde in ihrem Land, über Rodrigo Dutertes Aufstieg vom Provinzbürgermeister zum Präsidenten, über seine Todesschwadronen und wie er es geschafft hat, so viele mitzureißen, ihn wiederzuwählen und jetzt, wo er gerade in Den Haag vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt wird, für ihn zu beten und seine Freilassung zu fordern.
„ttt“ hat Jose Dalisay und Patricia Evangelista in Manila getroffen.
Beitrag: Ulrike Bremer
https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ttt_hr_buchmesse-104.html
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