Wer längere Zeit auf den Philippinen lebt und mit offenen Augen durch die Barangays, Städte und Dörfer fährt, dem fällt irgendwann etwas auf:
Viele Menschen haben nicht einfach einen Beruf.
Das Titelbild wurde mit Ki erstellt
Da ist der Mann, der tagsüber auf dem Bau arbeitet und abends noch Reparaturen für Nachbarn übernimmt. Die Frau, die morgens im kleinen Sari-Sari-Store sitzt und nachmittags Essen für den Verkauf vorbereitet. Der Tricycle-Fahrer, der zusätzlich Waren transportiert. Die Familie, die vor ihrem Haus ein paar Lebensmittel verkauft. Jemand, der neben seinem eigentlichen Beruf noch Kleidung online anbietet, Gemüse anbaut, Snacks herstellt oder am Wochenende auf dem Markt steht.
Von außen betrachtet könnte man vieles davon heute mit einem modernen Begriff beschreiben:
Hustle Culture.
Doch je länger man darüber nachdenkt, desto weniger passt dieser Begriff eigentlich auf die philippinische Realität.
Denn hinter dem ständigen Bemühen, noch ein wenig zusätzlich zu verdienen, steckt hier häufig etwas ganz anderes als das, was wir unter der modernen „Hustle Culture“ aus den sozialen Medien verstehen.
Es geht sehr oft nicht um Selbstoptimierung.
Es geht ums Leben.
Was bedeutet eigentlich „Hustle Culture“?
Der englische Begriff ist inzwischen weltweit bekannt. Besonders durch Social Media wird damit eine Lebensweise beschrieben, bei der Menschen versuchen, möglichst viel aus ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten herauszuholen.
Neben dem normalen Beruf gibt es dann einen „Side Hustle“, also eine zusätzliche Einnahmequelle.
Man verkauft Produkte online, betreibt einen kleinen Internetshop, produziert Inhalte, fährt nebenbei für einen Fahrdienst, vermietet etwas oder versucht, mit einer eigenen Geschäftsidee zusätzliches Geld zu verdienen.
Der Gedanke dahinter lautet häufig:
Mehr arbeiten, mehr erreichen, finanziell unabhängiger werden.
In der westlichen Version der Hustle Culture steckt deshalb oft ein gewisser Unternehmergeist.
Man möchte aufsteigen.
Man möchte sein eigenes Business aufbauen.
Man möchte irgendwann nicht mehr vom normalen Gehalt abhängig sein.
Auf den Philippinen sieht das Ganze oft anders aus.
Auf den Philippinen beginnt der „Hustle“ häufig aus Notwendigkeit
Wenn eine Familie mit dem Einkommen aus einem einzigen Job nicht auskommt, dann wird eben etwas hinzugefügt.
Nicht unbedingt, weil jemand davon träumt, Unternehmer zu werden.
Sondern weil die Stromrechnung bezahlt werden muss.
Weil die Kinder zur Schule gehen.
Weil Lebensmittel teurer geworden sind.
Weil ein Familienmitglied Unterstützung braucht.
Oder einfach, weil ein paar hundert Pesos zusätzlich am Ende des Monats einen erheblichen Unterschied machen können.
Das führt zu einer bemerkenswerten Vielfalt kleiner Tätigkeiten.
Man muss gar nicht weit fahren, um sie zu entdecken.
Ein kleines Geschäft vor einem Wohnhaus.
Ein Grill am Straßenrand.
Eine Frau, die morgens Lebensmittel vorbereitet und sie später in der Nachbarschaft verkauft.
Ein Motorrad, das nicht nur für den persönlichen Transport verwendet wird, sondern gleichzeitig als Arbeitsgerät dient.
Ein Handwerker, der nach seinem normalen Arbeitstag noch Aufträge von Nachbarn übernimmt.
Ein kleiner Händler, der seine Waren über Facebook anbietet.
Ein Farmer, der nebenbei andere Produkte verkauft.
Oder jemand, der aus einer vorhandenen Fähigkeit einfach eine zusätzliche Einnahmequelle macht.
Das alles gehört zum Alltag.
„Diskarte“ – vielleicht der bessere Begriff
Wenn man dieses Verhalten verstehen möchte, stößt man auf ein philippinisches Wort, das meiner Meinung nach viel besser passt als „Hustle Culture“:
Diskarte.
Der Begriff ist nicht ganz einfach mit einem einzigen deutschen Wort zu übersetzen.
Er beschreibt unter anderem die Fähigkeit, eine Gelegenheit zu erkennen, sich etwas einfallen zu lassen, mit den vorhandenen Möglichkeiten zurechtzukommen und irgendwie eine Lösung zu finden.
Und genau das sieht man auf den Philippinen sehr häufig.
Es muss nicht immer viel Kapital vorhanden sein.
Es muss nicht einmal ein richtiges Geschäftslokal vorhanden sein.
Manchmal reicht ein kleiner Platz vor dem Haus.
Ein Tisch.
Ein alter Kühlschrank.
Ein Motorrad.
Ein paar Werkzeuge.
Eine gute Idee.
Oder einfach eine Fähigkeit, die man bereits besitzt.
Aus wenig wird etwas gemacht.
Und wenn sich daraus ein paar zusätzliche Pesos verdienen lassen, umso besser.
Das ist für mich der eigentliche Kern des philippinischen „Hustle“.
Ein Geschäft kann hier aus fast allem entstehen
Wer durch ein philippinisches Barangay fährt, bekommt manchmal den Eindruck, dass sich hinter fast jeder Haustür irgendeine kleine Geschäftsidee verstecken könnte.
Ein Sari-Sari-Store ist dabei nur die offensichtlichste Variante.
Aber daneben gibt es unzählige andere Möglichkeiten.
Da werden Lebensmittel hergestellt und in der Nachbarschaft verkauft.
Es gibt kleine Werkstätten.
Vulkanisierer.
Schneider.
Friseure.
Holzarbeiter.
Bäcker.
Fischer, die ihren Fang direkt weiterverkaufen.
Menschen, die Obst oder Gemüse aus eigener Produktion anbieten.
Kleine Catering-Unternehmen.
Handwerker, die von Auftrag zu Auftrag arbeiten.
Und immer häufiger kommen digitale Möglichkeiten hinzu.
Facebook Marketplace, Messenger und andere Plattformen machen es inzwischen möglich, Waren oder Dienstleistungen anzubieten, ohne überhaupt ein klassisches Geschäft besitzen zu müssen.
Das Smartphone ist damit für viele Menschen nicht nur Kommunikationsmittel.
Es kann gleichzeitig Schaufenster, Werbefläche, Verkaufsplattform und Kundenkontakt sein.
Das Interessante daran: Familie spielt eine zentrale Rolle
Hier liegt meiner Meinung nach einer der größten Unterschiede zur westlichen Vorstellung von Hustle Culture.
Bei uns wird zusätzliche Arbeit häufig als persönliches Projekt betrachtet:
Ich möchte mehr verdienen.
Ich möchte mir etwas aufbauen.
Ich möchte finanziell unabhängig werden.
Auf den Philippinen ist der Gedanke oft stärker auf die Familie ausgerichtet.
Das zusätzliche Einkommen kann dazu dienen, die Ausbildung der Kinder zu finanzieren.
Es kann den Eltern helfen.
Es kann einem Geschwisterteil zugutekommen.
Oder mehrere Familienmitglieder arbeiten gemeinsam an einem kleinen Geschäft.
Das Geschäft gehört dann nicht unbedingt einer einzelnen Person.
Es ist vielmehr eine Familienangelegenheit.
Einer kauft ein.
Einer produziert.
Einer verkauft.
Einer liefert aus.
Und wenn am Ende ein kleiner Gewinn übrig bleibt, profitieren mehrere davon.
Das erklärt auch, warum man auf den Philippinen so häufig sieht, dass mehrere Generationen und Familienmitglieder in irgendeiner Form an einem kleinen Geschäft beteiligt sind.
Der berühmte „Side Hustle“
Besonders interessant wird es bei Menschen, die bereits einen regulären Beruf haben.
Nehmen wir einen ganz normalen Arbeitnehmer.
Tagsüber arbeitet er beispielsweise in einer Firma.
Nach Feierabend fährt er vielleicht noch ein Motorrad als Fahrer.
Oder er repariert Geräte.
Oder er verkauft Produkte online.
Oder er hilft am Wochenende auf dem Markt.
Oder seine Frau betreibt während seiner Arbeitszeit einen kleinen Verkaufsstand.
Damit entstehen mehrere kleine Einkommen, die zusammen wesentlich wichtiger sein können als ein einzelnes Gehalt.
Manchmal ist es sogar schwer zu sagen, was eigentlich der „Hauptberuf“ und was der „Nebenjob“ ist.
Alles gehört irgendwie zusammen.
Das Internet hat diese Entwicklung noch verstärkt
Früher war der zusätzliche Verdienst meistens auf die unmittelbare Umgebung beschränkt.
Die Nachbarn waren die Kunden.
Der Markt im Barangay war der Verkaufsplatz.
Heute kann ein kleiner Händler seine Produkte über Facebook anbieten und Kunden erreichen, die mehrere Kilometer entfernt wohnen.
Ein Talent kann über Social Media sichtbar werden.
Hausgemachte Lebensmittel können über Messenger bestellt werden.
Kleidung, Kosmetik, Zubehör oder andere Waren können online angeboten werden.
Damit hat das Smartphone eine neue Dimension des philippinischen „diskarte“ geschaffen.
Es ist erstaunlich, wie schnell viele Menschen solche Möglichkeiten nutzen.
Dabei muss nicht einmal ein großes Unternehmen entstehen.
Manchmal geht es nur darum, jeden Monat ein paar tausend Pesos zusätzlich zu erwirtschaften.
Aber genau diese kleinen Beträge können für eine Familie entscheidend sein.
Nicht alles daran ist romantisch
Man sollte diese Kultur allerdings auch nicht verklären.
Von außen kann es beeindruckend aussehen, wenn jemand drei verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausübt.
Doch dahinter kann auch eine enorme Belastung stehen.
Wer nach acht oder zehn Stunden Arbeit noch einen weiteren Job macht, hat entsprechend wenig Freizeit.
Wer jeden Tag versucht, noch etwas zusätzlich zu verkaufen, hat möglicherweise keine wirkliche finanzielle Sicherheit.
Und wer nur deshalb mehrere Einkommensquellen benötigt, weil das Einkommen aus dem Hauptberuf nicht ausreicht, ist nicht unbedingt ein erfolgreicher „Hustler“.
Vielleicht ist er einfach jemand, der versucht, für seine Familie über die Runden zu kommen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die philippinische Kreativität im Alltag
Was mich persönlich an diesem Thema besonders fasziniert, ist weniger die zusätzliche Arbeit selbst.
Es ist die Kreativität im Umgang mit den vorhandenen Möglichkeiten.
Auf den Philippinen wird vieles weiterverwendet, umgebaut oder für einen neuen Zweck eingesetzt.
Ein vorhandener Raum wird zum kleinen Laden.
Ein Teil des Hauses wird zum Verkaufsstand.
Ein Motorrad wird zum Transportfahrzeug.
Eine Küche wird zur kleinen Produktionsstätte.
Ein handwerkliches Talent wird zur Dienstleistung.
Ein Stück Land wird nicht nur für den Eigenbedarf genutzt, sondern vielleicht auch für den Verkauf.
Und manchmal entsteht daraus etwas, das man vorher gar nicht als Geschäft betrachtet hätte.
Genau hier liegt für mich die Verbindung zwischen Hustle und diskarte.
Nicht unbedingt:
„Wie kann ich maximal erfolgreich werden?“
Sondern eher:
„Was habe ich zur Verfügung – und was kann ich daraus machen?“
Eine Tortahan-Bäckerin sagt mehr als tausend Definitionen
Wenn ich an einige Menschen denke, denen man bei Fahrten durch die Barangays begegnen kann, wird dieses Prinzip besonders deutlich.
Da ist beispielsweise jemand, der früh am Morgen beginnt, mit einfachen Mitteln Lebensmittel herzustellen.
Kein moderner Produktionsbetrieb.
Keine große Bäckerei.
Keine aufwendige Verkaufsstrategie.
Einfach Zutaten, handwerkliches Können, Erfahrung und ein Markt in der unmittelbaren Umgebung.
Das Produkt wird anschließend innerhalb des Barangays verkauft.
Für einen Außenstehenden mag das wie ein winziges Geschäft erscheinen.
Für die betreffende Familie kann es aber ein wichtiger Bestandteil des Haushaltseinkommens sein.
Und genau solche Geschichten finde ich wesentlich interessanter als die großen Erfolgsgeschichten, die man im Internet unter dem Schlagwort „Hustle Culture“ findet.
Denn hier sieht man, wie Wirtschaft tatsächlich im Alltag funktioniert.
Nicht in den großen Einkaufszentren.
Nicht in den Hochhäusern von Makati.
Sondern vor einem Haus irgendwo in einem Barangay.
Hustle Culture oder einfach philippinischer Alltag?
Vielleicht ist deshalb die Frage falsch gestellt.
Vielleicht sollte man gar nicht fragen:
„Warum gibt es auf den Philippinen so eine ausgeprägte Hustle Culture?“
Sondern:
„Warum betrachten wir diese Form des Arbeitens überhaupt als etwas Besonderes?“
Denn für viele Filipinos ist es vermutlich einfach normal.
Wenn sich eine Gelegenheit bietet, etwas zu verdienen, wird sie genutzt.
Wenn jemand eine Fähigkeit besitzt, kann daraus eine Dienstleistung werden.
Wenn die Familie etwas gemeinsam aufbauen kann, wird es versucht.
Wenn das Geld nicht reicht, sucht man nach einer zusätzlichen Möglichkeit.
Und wenn eine Möglichkeit nicht funktioniert, versucht man eben die nächste.
Das ist vielleicht die eigentliche Bedeutung von diskarte.
Zwischen Überlebensstrategie und Unternehmergeist
Am Ende liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen.
Philippinische „Hustle Culture“ kann eine Überlebensstrategie sein.
Sie kann aber gleichzeitig auch Unternehmergeist, Kreativität und Eigeninitiative hervorbringen.
Aus einem kleinen Verkaufsstand kann ein richtiges Geschäft entstehen.
Aus einem Nebenjob kann ein Hauptberuf werden.
Aus einer Fähigkeit kann ein kleines Unternehmen entstehen.
Und aus einem improvisierten Versuch kann manchmal etwas Dauerhaftes werden.
Aber genauso wichtig ist die andere Seite:
Nicht jeder, der ständig mehrere Tätigkeiten ausübt, möchte Unternehmer werden.
Manche Menschen möchten einfach nur, dass am Monatsende etwas mehr Geld in der Haushaltskasse liegt.
Was ich daran auf den Philippinen besonders interessant finde
Wenn man längere Zeit hier lebt, verändert sich irgendwann auch der eigene Blick auf solche Dinge.
Man fährt durch ein Barangay und sieht nicht mehr nur einen kleinen Laden am Straßenrand.
Man fragt sich:
Wer hat ihn aufgebaut?
Was verkauft die Familie noch?
Ist das der einzige Verdienst?
Wer hilft mit?
Wie viele Stunden arbeitet diese Person eigentlich?
Und plötzlich entdeckt man hinter einem unscheinbaren Verkaufsstand eine kleine Geschichte über Arbeit, Familie, Kreativität und den täglichen Versuch, das Leben ein bisschen besser zu machen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus dem modernen Begriff „Hustle Culture“ etwas typisch Philippinisches wird:
Diskarte.
Nicht immer groß.
Nicht immer erfolgreich.
Nicht immer freiwillig.
Aber erstaunlich oft kreativ.
Und vor allem: Teil des ganz normalen Lebens.
