Vom Handelszentrum Asiens zur Warteschleife der Bürokratie? Ein Gedanke zu Butuan, Geschichte und Gegenwart der Philippinen

Beim Stöbern auf Facebook bin ich auf zwei Beiträge gestoßen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich jedoch, dass beide dieselbe Frage berühren – eine Frage, die weit über Geschichte, Politik oder einzelne Ereignisse hinausgeht.


Bildnachweis: KI erstelltes Bild zu Demonstrationszwecken

Der erste Beitrag beschäftigte sich mit dem vorspanischen Handelszentrum Butuan auf Mindanao. Dort wurden die berühmten Balangay-Boote gefunden, die belegen, dass bereits vor über tausend Jahren größere seetüchtige Schiffe auf den Philippinen gebaut wurden. Archäologische Funde, chinesische Quellen und Handelskontakte in ganz Südostasien zeigen, dass Teile der heutigen Philippinen keineswegs isoliert am Rand der Welt lagen. Im Gegenteil: Sie waren Bestandteil eines weit verzweigten asiatischen Handelsnetzes.

Der Beitrag verweist zudem auf die Arbeiten des Wirtschaftshistorikers Angus Maddison. Dessen Berechnungen zeigen, dass Asien – insbesondere China und Indien – über viele Jahrhunderte den größten Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung stellte. Die heute oft als selbstverständlich betrachtete Dominanz Europas und Nordamerikas ist historisch betrachtet ein relativ junges Phänomen, das erst mit der Industriellen Revolution und der kolonialen Expansion entstand.

Soweit erscheint die Argumentation nachvollziehbar.

Der zweite Beitrag, über den ich gestolpert bin, stammt aus den aktuellen Nachrichten. Es geht um Wiederaufbaumittel für vom Taifun betroffene Gebiete, die Jahre nach der Katastrophe teilweise noch immer nicht vollständig freigegeben wurden. Wieder einmal geht es um Verzögerungen, Bürokratie und politische Zuständigkeiten.

Und plötzlich stellte sich mir eine ganz andere Frage.

Wenn die Philippinen tatsächlich über Jahrhunderte Teil eines der bedeutendsten Handelsräume der Erde waren, wenn ihre Lage zwischen China, Südostasien und dem Pazifik seit jeher strategisch günstig war, warum gelingt es dem Land bis heute nur teilweise, dieses Potenzial auszuschöpfen?

Dabei geht es nicht darum, die Geschichte schönzureden oder zu verklären. Natürlich war das vorspanische Archipel kein geeinter Nationalstaat. Es bestand aus zahlreichen Barangays, Rajahnaten und Sultanaten mit sehr unterschiedlichem Entwicklungsstand. Butuan war ein bedeutender Hafen, aber nicht das Zentrum einer philippinischen Nation, die es damals noch gar nicht gab.

Ebenso wenig sollte man alle heutigen Probleme ausschließlich auf die Kolonialzeit zurückführen. Spanien, die amerikanische Kolonialherrschaft und spätere globale Entwicklungen haben die Philippinen zweifellos geprägt. Aber sie erklären nicht automatisch jede Schwierigkeit der Gegenwart.

Gerade deshalb finde ich die Frage interessant.

Andere Länder Asiens haben in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklungen durchlaufen. Südkorea, Taiwan oder Singapur werden häufig als Beispiele genannt. Auch Vietnam hat sich wirtschaftlich in den vergangenen Jahrzehnten dynamisch entwickelt.

Die Philippinen verfügen ebenfalls über viele Vorteile:

  • eine junge Bevölkerung,
  • bedeutende Rohstoffvorkommen,
  • fruchtbare Böden,
  • eine strategische Lage im Herzen Südostasiens,
  • weit verbreitete Englischkenntnisse,
  • eine große Diaspora mit erheblichen Rücküberweisungen.

Dennoch begegnet man immer wieder denselben Problemen:

  • unzureichende Infrastruktur,
  • langsame Verwaltungsprozesse,
  • politische Dynastien,
  • Korruption,
  • komplizierte Genehmigungsverfahren,
  • verzögerte Umsetzung selbst bereits finanzierter Projekte.

Der Artikel über die nicht freigegebenen Wiederaufbaumittel ist nur ein aktuelles Beispiel dafür.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage also nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart.

Die Balangay-Boote von Butuan zeigen, dass die Bewohner des Archipels schon vor vielen Jahrhunderten Handel treiben, Netzwerke aufbauen und Chancen nutzen konnten. Die geographische Lage der Philippinen hat sich seitdem nicht verändert. Die natürlichen Voraussetzungen sind weiterhin vorhanden.

Was sich verändert hat, sind die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Deshalb interessiert mich eure Meinung:

  • Wird die Bedeutung der vorspanischen Philippinen in der Geschichtsschreibung unterschätzt?
  • Wird umgekehrt ihre tatsächliche Bedeutung heute manchmal überhöht dargestellt?
  • Wie groß ist der Einfluss der Kolonialgeschichte auf die aktuelle Situation wirklich?
  • Welche Rolle spielen heutige politische Strukturen, Bürokratie und Korruption?
  • Nutzt das Land seine geographischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ausreichend?
  • Warum gelingt es manchen asiatischen Staaten, vorhandene Potenziale schneller in Wohlstand umzuwandeln als den Philippinen?

Mich würde interessieren, wie andere Forenmitglieder diesen Zusammenhang zwischen historischer Bedeutung und heutiger Realität sehen.

Vielleicht ist die spannendste Erkenntnis aus den Funden von Butuan nicht, dass die Philippinen einst Teil eines bedeutenden Handelsraums waren. Vielleicht ist die spannendere Frage, warum ein Land mit einer so günstigen Ausgangslage bis heute darum ringt, seinen Platz in diesem Raum vollständig wiederzufinden.

Naja, der wirtschaftliche und kulturelle Abstieg von früheren Hochkulturen in die heutige Bedeutungslosigkeit, hat ja genügend historische Paralellen, wie z.B. das alte Ägypten, Persien, das alte Griechenland, das römische Reich (Italien ist zwar immer noch G-7 Mitglied), die Inkas in Peru, aber auch das alte Khmer Reich umfasste ja fast ganz das heutige Thailand und Kambodscha ist heute politisch und wirtschaftlich bedeutungslos.
Der schleichende wirtschaftliche Niedergang der Philippinen im Vergleich zu den SO-asiatischen Nachbarländern, hat viele Ursachen und wurde ja schon öfters hier diskutiert – vor allem im Vergleich zur Entwicklung von Singapur zum wirtschaftlichen Power-Haus.
Die Hauptursachen sind m.E. schlechte politische Leadership, Korruption, aber auch die schwierige geographische Insellage der PHP mit mangelhafter Infrastruktur.