Balangay – Mit den Booten der alten Seefahrer beginnt die maritime Geschichte der Philippinen
Wenn heute von den Philippinen als einer Nation der Seefahrer gesprochen wird, denkt man vielleicht zunächst an Fischerboote, moderne Fähren oder die berühmten Bangkas. Doch die Geschichte der philippinischen Seefahrt reicht sehr viel weiter zurück.
Mehr als tausend Jahre, bevor die ersten europäischen Schiffe die Gewässer des Archipels erreichten, bauten Menschen auf den Philippinen große, hoch entwickelte Holzboote, mit denen sie Flüsse, Küstengewässer und die offenen Meere befahren konnten.
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Eines dieser Boote ist heute zu einem Symbol der frühen philippinischen Geschichte geworden: der Balangay, auch als Butuan Boat bezeichnet.
Seine Geschichte führt uns nach Butuan City in Agusan del Norte auf Mindanao – und tief hinein in eine Zeit, in der es die heutigen Philippinen als Staat noch gar nicht gab.
Eine außergewöhnliche Entdeckung in Butuan
Die Geschichte der Balangay-Boote beginnt nicht mit einer alten Chronik, sondern mit einer archäologischen Entdeckung.
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In den 1970er-Jahren wurden in der Umgebung von Butuan, insbesondere im heutigen Barangay Libertad, Reste großer hölzerner Boote gefunden. Die Boote lagen im feuchten Boden eines ehemaligen Fluss- beziehungsweise Flussmündungsgebietes und waren dort über Jahrhunderte unter Schlamm und Sedimenten konserviert worden.
Die Funde waren eine Sensation.
Das National Museum of the Philippines beschreibt die Butuan-Boote heute als bedeutende Zeugnisse früher philippinischer Wasserfahrzeugtechnik. Die erhaltenen Boote werden in die Zeit zwischen dem späten 8. und frühen 10. Jahrhundert datiert. Damit gehören sie zu den ältesten bekannten Wasserfahrzeugen, die auf den Philippinen archäologisch nachgewiesen wurden.
Die Fundstelle in Butuan war jedoch nicht nur wegen der Boote bedeutend. Zusammen mit Keramik, Handelswaren und weiteren archäologischen Funden ergab sich das Bild einer bereits gut vernetzten und wirtschaftlich bedeutenden Siedlung.
Butuan war offenbar ein wichtiger maritimer Handelsplatz und stand bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit mit anderen Regionen Südostasiens in Verbindung. Funde aus China und anderen Teilen Südostasiens belegen Handelskontakte, die weit über die unmittelbare Umgebung hinausgingen.
Ein Boot ohne Nägel
Besonders faszinierend wird die Geschichte der Balangay, wenn man sich ihre Konstruktion genauer anschaut.
Was zunächst wie ein relativ einfaches Holzboot aussieht, ist tatsächlich ein beeindruckendes Beispiel traditioneller Schiffbaukunst.
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Die Boote wurden aus einzelnen Holzbrettern aufgebaut. Diese Planken wurden nicht einfach auf ein bereits vorhandenes Gerüst gesetzt, wie man es von vielen späteren europäischen Schiffen kennt. Stattdessen wurden sie miteinander verbunden und anschließend mit weiteren Bauteilen stabilisiert.
Eine besondere Rolle spielten dabei sogenannte Lashed-Lug-Verbindungen.
Dabei besitzen die Planken hervorstehende Ansätze oder „Lugs“, an denen weitere Bauteile befestigt werden konnten. Die Verbindung erfolgte unter anderem mit Holzstiften und durch Verschnürungen. Dadurch entstand eine erstaunlich stabile Konstruktion, ohne dass eiserne Nägel erforderlich waren.
Genau diese Bauweise macht die Butuan-Boote auch für die moderne Archäologie so interessant. Sie gehören zu einer größeren südostasiatischen Tradition des sogenannten lashed-lug boatbuilding, die in verschiedenen Regionen Südostasiens nachgewiesen werden kann.
Hier zeigt sich sehr deutlich, dass die Menschen, die diese Boote bauten, keineswegs nur primitive Einbäume oder einfache Fischerboote herstellten. Sie beherrschten eine komplexe Holzverarbeitung und verfügten über ein Wissen über Statik, Materialien, Wasser und Seegang, das über Generationen weitergegeben worden sein muss.
Was konnte ein Balangay leisten?
Natürlich wissen wir heute nicht jedes Detail über die ursprüngliche Verwendung der einzelnen Boote.
Die archäologischen Funde zeigen jedoch, dass diese Konstruktion für unterschiedliche maritime Aufgaben geeignet war. Die Menschen konnten damit Flüsse und Küstengewässer befahren und sich zwischen verschiedenen Siedlungen und Inseln bewegen.
Vor allem aber erzählen die Boote etwas über die Mobilität der damaligen Bevölkerung.
Ein Boot dieser Größenordnung war kein Spielzeug und auch kein kleines Fischerfahrzeug für einen einzelnen Haushalt. Sein Bau erforderte beträchtliche Mengen an Holz, handwerkliches Können und die Zusammenarbeit mehrerer Menschen.
Das wiederum lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu, die solche Boote bauen konnte.
Wo große Boote gebaut werden, gibt es normalerweise auch Menschen, die Holz auswählen, fällen und bearbeiten, andere, die die Konstruktion planen, und wieder andere, die für Verbindungen, Abdichtung und Ausrüstung verantwortlich sind.
Der Balangay ist deshalb nicht nur ein archäologischer Gegenstand.
Er ist ein Zeugnis einer hoch entwickelten Gemeinschaft.
Butuan – eine maritime Drehscheibe
Noch interessanter wird die Geschichte durch die anderen archäologischen Funde aus Butuan.
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Das National Museum bezeichnet Butuan als einen bedeutenden frühen Transit- und Handelsplatz im südlichen Philippinenraum. Keramik und andere Gegenstände weisen auf Kontakte mit China und anderen Regionen Südostasiens hin.
Die Balangay-Boote passen perfekt in dieses Bild.
Denn Handel in einem Inselstaat bedeutete schon damals vor allem eines:
Man musste das Meer beherrschen.
Waren konnten nicht einfach über Land transportiert werden. Zwischen den Inseln lagen Flüsse, Buchten und offene See. Wer Handel treiben wollte, brauchte Boote – und Menschen, die mit ihnen umgehen konnten.
Die Balangay sind damit ein materieller Beweis für etwas, das man sich angesichts der heutigen philippinischen Inselwelt eigentlich leicht vorstellen kann: Die Menschen des Archipels waren schon lange vor der Ankunft der Spanier miteinander verbunden.
Das Meer trennte die Gemeinschaften nicht nur.
Es verband sie.
Eine wichtige Verbindung zu Südostasien
Die Bedeutung der Butuan-Boote geht deshalb über die philippinische Geschichte hinaus.
Die Bauweise der Boote weist auf eine größere südostasiatische maritime Tradition hin. Das National Museum sieht in den Butuan-Booten zusätzliche archäologische Belege für die Handelsnetzwerke, die im 9. Jahrhundert Teile Südostasiens miteinander verbanden.
Die Philippinen waren also keineswegs eine isolierte Inselwelt am Rand der damaligen Geschichte.
Sie lagen mitten in einer Region, in der Menschen, Waren, Ideen und technische Kenntnisse über das Meer ausgetauscht wurden.
Die Balangay sind dafür eines der eindrucksvollsten erhaltenen Zeugnisse.
Warum die Boote heute National Cultural Treasures sind
Die Bedeutung der Funde wurde bereits wenige Jahre nach ihrer Entdeckung offiziell anerkannt.
Am 9. März 1987 wurden die Balangay beziehungsweise Butuan-Boote unter Presidential Proclamation No. 86 als National Cultural Treasure der Philippinen anerkannt. Auch das Umfeld der Fundstelle wurde als archäologisch bedeutendes Gebiet geschützt.
Das ist eine besondere Auszeichnung.
Ein National Cultural Treasure ist nach der Definition des National Museum ein Objekt von herausragender historischer, kultureller, künstlerischer und/oder wissenschaftlicher Bedeutung für die Philippinen. Solche Objekte gelten als unverzichtbar für das Verständnis der Geschichte und Kultur des Landes und stehen unter besonderem staatlichem Schutz.
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In Butuan entstand deshalb auch das Butuan Boat Site Museum, das die Fundstelle eines der Boote bewahrt. Das National Museum betreut dort heute sowohl die archäologische Fundstelle als auch das regionale Museum.
Vom archäologischen Fund zurück aufs Meer
Besonders schön an der Geschichte der Balangay ist, dass sie nicht mit der Ausgrabung und Konservierung der Boote endet.
Im Gegenteil.
Im Jahr 2009 begann ein außergewöhnliches Projekt: Eine Gruppe von Filipinos wollte eine Balangay nach traditionellen Methoden nachbauen und damit tatsächlich wieder auf See gehen.
Die Initiative wurde als Voyage of the Balangay bekannt.
Für den Bau wurden traditionelle Techniken verwendet. Erfahrene Bootsbauer aus dem Süden der Philippinen waren daran beteiligt, darunter Sama beziehungsweise Badjao-Bootsbauer aus Tawi-Tawi. Das Ziel bestand nicht darin, eine moderne Replik mit verstecktem Motor und moderner Technik zu bauen.
Man wollte herausfinden, was mit einem solchen traditionellen Boot tatsächlich möglich war.
Die erste Replik erhielt den Namen Diwata ng Lahi.
Sie begann 2009 ihre Reise von Manila nach Butuan und lief dabei zahlreiche philippinische Häfen an. Eine zweite Replik, Masawa Hong Butuan, wurde anschließend in Butuan gebaut und 2010 zu Wasser gelassen.
Später kamen weitere Boote hinzu, und die Expedition führte die Teilnehmer sogar über die Grenzen der Philippinen hinaus nach Südostasien.
Damit wurde aus einem archäologischen Fund wieder ein funktionierendes Schiff.
Und plötzlich war die Geschichte nicht mehr nur etwas, das man in einem Museum betrachten konnte.
Man konnte sehen, wie ein solches Boot auf dem Wasser liegt, wie es sich bewegt und wie Menschen damit navigieren.
Altes Wissen – neu entdeckt
Vielleicht liegt genau darin die größte Bedeutung des Balangay.
Die Boote zeigen, dass technologischer Fortschritt nicht immer bedeutet, dass frühere Techniken primitiv waren.
Die Menschen, die diese Boote vor mehr als tausend Jahren bauten, hatten keine modernen CAD-Programme, keine Stahlplatten, keine Elektrowerkzeuge und keine computergesteuerten Maschinen.
Sie hatten Holz, Seile, Werkzeuge und vor allem Erfahrung.
Dieses Wissen wurde vermutlich von Generation zu Generation weitergegeben. Jeder Bootsbauer lernte von seinen Vorgängern, welche Holzarten geeignet waren, wie Planken miteinander verbunden werden mussten und wie ein Boot gebaut sein musste, damit es den Belastungen des Wassers standhielt.
Vieles davon ging später verloren oder wurde durch moderne Bauweisen verdrängt.
Das Balangay-Projekt hat deshalb nicht nur ein altes Boot nachgebaut.
Es hat versucht, altes Wissen wieder lebendig werden zu lassen.
Balangay und das heutige philippinische Selbstverständnis
Der Balangay ist inzwischen weit mehr als ein archäologisches Fundstück aus Butuan.
Er steht symbolisch für die maritime Vergangenheit der Philippinen und für eine Zeit, in der die Menschen des Archipels ihre Welt über das Wasser erschlossen.
Die Geschichte des Balangay passt deshalb hervorragend zu einem Land, dessen moderne Geografie von mehr als 7.000 Inseln geprägt ist.
Die Philippinen waren nie ein Land, das nur aus einzelnen Inseln bestand.
Sie waren schon immer ein Netzwerk von Inseln, Küsten, Flüssen und Meereswegen.
Und die Boote waren das verbindende Element.
Ein Stück Geschichte, das wieder schwimmt
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Wenn man heute die konservierten Überreste eines Balangay betrachtet, sieht man zunächst vielleicht nur einige alte, dunkle Holzplanken.
Doch hinter diesen Planken steckt eine erstaunliche Geschichte.
Hier haben Menschen vor mehr als tausend Jahren Holz verarbeitet, Boote gebaut, Flüsse befahren, Küsten erreicht und Handel betrieben.
Sie waren Teil einer maritimen Welt, die lange vor der spanischen Kolonialzeit existierte.
Und vielleicht ist das die schönste Geschichte, die uns die Balangay erzählen können:
Die philippinische Geschichte begann nicht mit der Ankunft der Spanier.
Sie hatte bereits eine lange und bewegte Vergangenheit – und ein Teil dieser Vergangenheit liegt noch heute in Form alter Boote im Boden von Butuan.
Der Balangay ist damit nicht nur ein Boot.
Er ist ein Stück der Erinnerung daran, dass die Philippinen schon vor mehr als tausend Jahren eine Nation der Seefahrer waren.
Wo kann man die Balangay heute sehen?
Wer die Geschichte dieser außergewöhnlichen Boote selbst erleben möchte, findet in Butuan City das National Museum – Butuan sowie das Butuan Boat Site Museum in Barangay Libertad. Dort wird die archäologische Bedeutung der Fundstelle dokumentiert und die Geschichte der Butuan-Boote vermittelt.
Einige der erhaltenen Bootsteile befinden sich außerdem in den Sammlungen des National Museum in Manila.
Nach der farbenprächtigen Vinta von Zamboanga führt uns der zweite Beitrag dieser Serie nun weit zurück in die maritime Vergangenheit der Philippinen – zu den Balangay von Butuan.