Erinnerungen an einen vergessenen Nationalsport und die großen Sipa-Spiele am Luneta Grandstand der 1980er Jahre
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Es gibt Sportarten, die man nicht nur kennt, weil man sie im Fernsehen gesehen oder selbst einmal ausprobiert hat. Manche bleiben im Gedächtnis, weil man ihnen live begegnet ist – vielleicht an einem Ort, an dem man sie überhaupt nicht erwartet hätte.
Bei mir ist das Sipa.
Soweit ich mich erinnern kann, habe ich damals irgendwo rechts neben dem Grandstand dem Spiel zugeschaut.
Bildnachweis: Facebook - Jasper John Richards
In den 1980er Jahren hatte ich Gelegenheit, den philippinischen Sipa-Spielern am Grandstand im Luneta Park in Manila zuzuschauen. Was ich damals sah, hat mich nachhaltig beeindruckt. Die Geschwindigkeit, die Körperbeherrschung und vor allem die scheinbare Leichtigkeit, mit der die Spieler den kleinen Ball immer wieder in der Luft hielten, waren für mich als Zuschauer etwas völlig Besonderes.
Heute ist Sipa außerhalb bestimmter Schulen, Vereine und traditioneller Spiele längst nicht mehr so präsent wie damals. Und genau deshalb lohnt sich ein Blick zurück.
Denn Sipa ist mehr als ein altes Kinderspiel. Es gehört zu den traditionellen Spielen der Philippinen und ist ein Stück jener eigenen Sportkultur, die lange vor modernen Stadien, internationalen Sportverbänden und westlichen Sportarten existierte.
Bildnachweis: Facebook-Fund - https://www.facebook.com/PhilippineSTAR/posts/the-philippines-sepak-takraw-team-settles-for-the-bronze-medal-in-the-seagames20/1572814212872254/
Was bedeutet eigentlich „Sipa“?
Das Wort sipa bedeutet auf Filipino schlicht „kicken“ oder „treten“. Gleichzeitig bezeichnet es das Spiel und auch den Gegenstand, der dabei in der Luft gehalten wird.
Das National Museum of the Philippines zählt Sipa ausdrücklich zu den populären traditionellen Spielen des Landes. Es beschreibt Sipa als ein Spiel, bei dem Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Kontrolle gefragt sind und bei dem der Gegenstand mit Füßen, Knien, Ellenbogen oder Händen immer wieder in der Luft gehalten wird, bevor er den Boden berührt.
Und genau darin liegt die faszinierende Einfachheit des Spiels:
Ein kleiner Gegenstand – und möglichst lange darf er nicht herunterfallen.
Was zunächst nach einem harmlosen Kinderspiel klingt, kann auf höherem Niveau allerdings ausgesprochen anspruchsvoll werden.
Ein Spiel mit sehr alten Wurzeln
Sipa gehört zu den traditionellen philippinischen Spielen, deren Wurzeln bis in die Zeit vor der spanischen Kolonialherrschaft zurückreichen. Häufig wird seine Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückgeführt.
Dabei gab es nicht nur eine einzige Form des Spiels.
Eine besonders einfache Variante wurde mit einer kleinen Metallscheibe gespielt, die häufig mit Stoffstreifen versehen war. Die Streifen wirkten wie ein kleiner Schweif und verlangsamten den Fall des Gegenstandes. Der Spieler versuchte, die Scheibe immer wieder mit dem Fuß hochzuspielen.
Daneben entwickelte sich die Variante mit dem geflochtenen Rattanball.
Diese Form kommt dem Sport näher, den man heute auch mit dem internationalen Sepak Takraw verbindet. Der Ball besteht aus geflochtenem Rattan und wird mit den Füßen und Beinen kontrolliert.
Das Ziel ist dabei nicht einfach nur, den Ball irgendwie hochzuhalten. In den sportlicheren Varianten wird der Ball zwischen Spielern beziehungsweise Mannschaften über ein Netz gespielt. Geschwindigkeit, Reaktion, Präzision und Körperbeherrschung werden plötzlich entscheidend.
Meine Erinnerung an den Luneta Grandstand
Wenn ich an Sipa denke, sehe ich allerdings nicht zuerst ein Schulkind mit einem kleinen Metallstück vor mir.
Ich sehe Manila in den 1980er Jahren.
Und ich sehe den Bereich um den Grandstand im Luneta Park.
Damals konnte man dort Sportveranstaltungen und Vorführungen erleben, die für mich als Europäer durchaus etwas Exotisches hatten. Sipa gehörte für mich zu diesen Erlebnissen.
Ich blieb stehen und schaute den Spielern zu.
Was mich dabei besonders beeindruckte, war die unglaubliche Beweglichkeit der Akteure.
Der Ball kam scheinbar in einem Moment an, in dem er eigentlich schon verloren sein musste – und dann war plötzlich wieder ein Fuß da. Ein kurzer Kontakt, ein schneller Schritt, eine Drehung des Körpers und der Ball flog wieder nach oben.
Dann der nächste Spieler.
Und wieder.
Und wieder.
Für einen Zuschauer, der das Spiel zum ersten Mal bewusst erlebt, wirkt das beinahe wie eine Mischung aus Fußball, Volleyball und Akrobatik.
Nur dass hier niemand einfach den Ball mit den Händen auffängt.
Der Ball muss weiterleben.
Sipa war mehr als ein Zeitvertreib
Die besondere Faszination des Spiels liegt darin, dass man sehr schnell erkennt, wie viel Können dahintersteckt.
Ein Anfänger versucht zunächst lediglich, den Ball einmal, zweimal oder vielleicht fünfmal hochzuhalten.
Ein guter Spieler entwickelt dagegen ein Gefühl für den Ball.
Er weiß, wie stark er ihn treffen muss.
Er weiß, mit welchem Teil des Fußes er ihn kontrollieren kann.
Er kann seine Körperposition verändern, während der Ball bereits wieder unterwegs ist.
Und irgendwann kommen Bewegungen hinzu, die für einen normalen Zuschauer fast akrobatisch aussehen.
Genau diese Kombination aus Geschicklichkeit, Geschwindigkeit und Koordination macht Sipa so interessant.
Das National Museum nennt genau diese Fähigkeiten als zentrale Eigenschaften des Spiels.
Zwei Gesichter des Sipa
Sipa war und ist nicht ausschließlich ein organisierter Wettkampfsport.
Es gibt eine sehr einfache, geradezu spontane Form.
Man braucht dafür kaum etwas.
Ein kleiner Gegenstand genügt, etwas Platz – und schon kann gespielt werden.
Kinder konnten Sipa praktisch überall ausprobieren: auf Höfen, Straßen, in Schulen oder auf freien Flächen.
Das ist ein wichtiger Teil seiner Bedeutung.
Denn traditionelle philippinische Spiele entstanden nicht unbedingt mit einem Sportverband im Hintergrund. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben.
Man brauchte keinen teuren Ball.
Man brauchte keine Sporthalle.
Und schon gar keine High-Tech-Ausrüstung.
Man brauchte nur einen Sipa und ein wenig Platz.
Vom Kinderspiel zum Wettkampfsport
Aus dieser einfachen Tradition entwickelte sich aber auch eine deutlich anspruchsvollere Wettkampfform.
Hier kommt der Rattanball ins Spiel.
Bildnachweis: https://philippines.fieldmuseum.org/
Mannschaften können gegeneinander antreten und den Ball über ein Netz spielen. Je nach Variante bestehen die Mannschaften aus unterschiedlichen Spielerzahlen und es gelten festgelegte Regeln.
Diese Form steht in enger Beziehung zu dem Sport, der international als Sepak Takraw bekannt ist.
Bildnachweis: https://www.tutorialspoint.com/
Sepak Takraw wurde in Südostasien zu einer eigenständigen Wettkampfsportart mit internationalen Regeln und Meisterschaften. Auch auf den Philippinen ist Sepak Takraw bis heute im organisierten Sport vertreten. So führt beispielsweise das Gesetz über die Palarong Pambansa Sepak Takraw weiterhin als offizielles Sportereignis auf.
Damit ist eine interessante Entwicklung verbunden:
Das traditionelle Sipa verschwand nicht vollständig – ein Teil seiner sportlichen Tradition wanderte vielmehr in die modernisierte Form des Sepak Takraw über.
Die 1980er Jahre – eine andere Sportwelt
Wenn ich mich an meine Zeit am Luneta Grandstand zurückerinnere, muss man sich auch bewusst machen, wie anders die Philippinen damals aussahen.
Es gab noch kein Internet.
Kein YouTube.
Keine Smartphones.
Sportarten wurden nicht ständig über soziale Medien verbreitet.
Wer etwas Besonderes sehen wollte, musste hingehen.
Und gerade deshalb waren öffentliche Sportveranstaltungen ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Man konnte irgendwo stehen bleiben und zuschauen.
Man konnte mit anderen Zuschauern ins Gespräch kommen.
Man konnte eine Sportart entdecken, von der man vorher vielleicht noch nie gehört hatte.
Für mich war Sipa eine solche Entdeckung.
Und möglicherweise ist gerade das der Grund, warum mir diese Szenen bis heute so deutlich im Gedächtnis geblieben sind.
War Sipa wirklich der „Nationalsport“ der Philippinen?
Hier lohnt sich eine kleine historische Präzisierung.
Sipa wird sehr häufig als der frühere National Sport of the Philippines bezeichnet. In populären Darstellungen und Erinnerungen wird dieser Titel mit Sipa verbunden.
Rechtlich eindeutig ist die Situation allerdings etwas komplizierter.
Seit dem Republic Act No. 9850 von 2009 ist Arnis offiziell als „National Martial Art and Sport of the Philippines“ festgelegt. Das Gesetz bezeichnet Arnis ausdrücklich als den nationalen Kampfsport und Nationalsport.
Deshalb würde ich Sipa heute eher als den traditionellen philippinischen Nationalsport beziehungsweise den früher als Nationalsport betrachteten Sport bezeichnen – und nicht behaupten, dass Sipa heute noch offiziell der Nationalsport sei.
Das ändert allerdings nichts an seiner kulturellen Bedeutung.
Denn die Erinnerung an Sipa als „national sport“ kommt nicht von ungefähr. Das Spiel war tief in der philippinischen Alltagskultur verwurzelt und wurde über Generationen gespielt.
Und was ist heute von Sipa geblieben?
Das ist vielleicht der interessanteste Teil der Geschichte.
Denn wenn man heute durch die Philippinen geht, wird man nicht mehr überall auf Sipa-Spieler treffen.
Basketball dominiert die öffentlichen Plätze.
Volleyball ist enorm populär.
Boxen und andere internationale Sportarten haben ihre festen Anhänger.
Und natürlich gibt es inzwischen eine ganze Generation, für die Smartphone und Internet selbstverständlich zum Alltag gehören.
Sipa dagegen ist vielerorts aus dem alltäglichen Straßenbild verschwunden.
Aber verschwunden ist es nicht.
Traditionelle Spiele werden weiterhin in Schulen und bei kulturellen Veranstaltungen vermittelt. Auch staatliche Programme zur Förderung von Breitensport und traditionellen Spielen zeigen, dass solche Spiele weiterhin als Bestandteil der philippinischen Sport- und Kulturgeschichte betrachtet werden. Bereits die staatliche Sportpolitik der 1990er Jahre betonte ausdrücklich die Förderung von Breitensport und traditionellen Spielen.
Bildnachweis: Facebook - Dose of Disbelief Page
Und die sportliche Linie lebt – wie erwähnt – im Sepak Takraw weiter.
Sipa und die nächste Generation
Vielleicht ist das größte Problem für Sipa deshalb gar nicht, dass niemand mehr spielen möchte.
Das Problem ist eher, dass viele andere Sportarten heute besser organisiert, stärker vermarktet und sichtbarer sind.
Ein Kind, das heute sportlich aktiv sein möchte, findet Basketballplätze fast überall.
Für Basketball gibt es Trainer, Ligen, Schulen, Turniere und Vorbilder.
Bei Sipa ist diese Infrastruktur wesentlich kleiner.
Dabei hätte das Spiel durchaus einiges zu bieten.
Es braucht vergleichsweise wenig Ausrüstung.
Es trainiert Koordination und Reaktionsfähigkeit.
Es fördert Beweglichkeit.
Und es kann grundsätzlich von Kindern ebenso wie von Erwachsenen gespielt werden.
Vielleicht müsste man Sipa gar nicht als Konkurrenz zu modernen Sportarten betrachten.
Man könnte es vielmehr als das sehen, was es ursprünglich war:
Ein einfaches philippinisches Spiel, das Menschen zusammenbringt.
Ein kleines Stück philippinische Identität
Was mich an Sipa heute besonders fasziniert, ist seine Einfachheit.
Wenn man sich die großen internationalen Sportarten anschaut, braucht man häufig riesige Stadien, komplizierte Ausrüstung, professionelle Trainer und ganze Organisationen.
Sipa dagegen kann mit einem Gegenstand beginnen, der kaum etwas kostet.
Und trotzdem kann daraus ein Sport entstehen, der spektakulär aussieht.
Vielleicht steckt genau darin ein Teil der philippinischen Geschichte.
Traditionelle Spiele waren nicht für eine kleine Elite gedacht.
Sie gehörten zum Alltag.
Kinder konnten sie spielen.
Erwachsene konnten sie spielen.
Und wer besonders gut war, konnte die anderen mit seinen Fähigkeiten beeindrucken.
Was vom Sipa am Ende bleibt
Wenn ich heute an den Luneta Park der 1980er Jahre zurückdenke, ist es deshalb nicht nur eine Erinnerung an eine Sportveranstaltung.
Es ist eine Erinnerung an ein anderes Manila.
An eine Zeit, in der ich als Besucher mitten in der Stadt stehen konnte und plötzlich etwas sah, das mir völlig neu war.
Die Spieler am Grandstand.
Der kleine Ball.
Die schnellen Bewegungen.
Die Konzentration.
Und immer wieder dieser Moment, in dem der Ball scheinbar unaufhaltsam nach unten fällt – und im letzten Augenblick doch noch von einem Fuß erwischt wird.
Kick.
Der Ball steigt wieder.
Kick.
Wieder nach oben.
Und noch einmal.
Für mich war genau das die Faszination von Sipa.
Heute ist aus dem einst überall bekannten traditionellen Spiel eine eher selten gewordene Erinnerung geworden. Doch ganz verschwunden ist sie nicht. Sipa lebt in traditionellen Spielen, in Schulen, in kulturellen Programmen und vor allem in der verwandten Sporttradition des Sepak Takraw weiter.
Und vielleicht braucht es manchmal gar nicht viel, um eine solche Tradition wieder sichtbar zu machen.
Ein Ball.
Ein Stück freier Platz.
Ein paar Kinder.
Und jemanden, der ihnen zeigt, wie man den Ball in der Luft hält.
Denn solange der Sipa nicht den Boden berührt, ist auch diese kleine Erinnerung an die alte philippinische Sportkultur noch nicht gefallen.






