Die weißen Felswände von Montalban – Wawa Gorge: Wo Geologie, Geschichte und Legenden aufeinandertreffen
Nur etwa 30 bis 35 Kilometer nordöstlich von Manila beginnt eine Landschaft, die auf den ersten Blick kaum noch etwas mit der gewaltigen Metropole zu tun hat.
Bildnachweis: Facebook - Montalban Tourism & Cultural Affairs
Zwischen dicht bewachsenen Bergen, einem Fluss und gewaltigen weißen Felswänden öffnet sich eine enge Schlucht, die heute als Montalban Gorge oder Wawa Gorge bekannt ist.
Die Szenerie wirkt fast wie ein natürlicher Eingang in eine andere Welt.
Und genau darin liegt bereits die Bedeutung des Namens.
„Wawa“ bedeutet in der Sprache der Dumagat „Eingang“ oder „Portal“. Die beiden markanten Berge Mount Pamitinan und Mount Binacayan bilden dabei gewissermaßen die beiden Seiten dieses natürlichen Tores.
Doch Wawa ist wesentlich mehr als eine spektakuläre Landschaft.
Die weißen Kalksteinwände erzählen eine Geschichte, die Millionen Jahre zurückreicht. Die Höhlen und Felsen waren später Schauplatz philippinischer Revolutionsgeschichte, die Schlucht wurde im Zweiten Weltkrieg zum Schlachtfeld, und heute kommen Menschen aus Metro Manila hierher zum Wandern, Klettern, Baden, Picknicken und Fotografieren.
Montalban ist damit ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie Natur, Geologie, Geschichte, Mythologie und moderner Tourismus an einem einzigen Ort miteinander verbunden sind.
Eine Schlucht zwischen zwei Bergen
Die Montalban Gorge liegt im westlichen Bereich der Sierra Madre in der Provinz Rizal, innerhalb des heutigen Rodriguez, das früher Montalban hieß.
Durch die Schlucht fließt der Marikina River.
Der Fluss hat sich hier über lange Zeit seinen Weg durch das Gestein gebahnt und dabei einen sogenannten Water Gap geschaffen – eine natürliche Durchquerung eines Gebirgszuges.
Bildnachweis: https://www.tripadvisor.com/
Die Schlucht erreicht eine Höhe von etwa 360 Metern beziehungsweise rund 1.180 Fuß. Auf beiden Seiten stehen die markanten Berge Mount Pamitinan und Mount Binacayan, die heute beliebte Ziele für Wanderer und Bergsteiger sind.
Bildnachweis: https://www.alltrails.com/
Besonders auffällig sind jedoch nicht allein die Berge selbst.
Es sind die hellen, teilweise fast weißen Felswände.
Sie ragen an verschiedenen Stellen bis zu etwa 80 bis 160 Fuß über die Landschaft und werden von Kalksteinformationen, Felsnadeln und teilweise riesigen Gesteinsblöcken begleitet.
Wer zum ersten Mal dort steht, versteht deshalb vermutlich sofort, warum dieser Ort zu den bekanntesten Landschaften der Provinz Rizal gehört.
Eine Landschaft, die einst unter Wasser lag
Was heute wie eine bizarre Berglandschaft aussieht, hat seinen Ursprung in einer völlig anderen Welt.
Die markanten Felsformationen bestehen überwiegend aus Kalkstein.
Kalkstein entsteht häufig aus Ablagerungen in früheren Meeren. Über lange geologische Zeiträume können sich die Überreste von Organismen und andere kalkhaltige Sedimente zu mächtigen Gesteinsschichten verdichten.
Das bedeutet vereinfacht gesagt:
Wo heute Menschen klettern und wandern, befand sich irgendwann in der geologischen Vergangenheit eine Meereslandschaft.
Die Montalban Limestone Formation ist Teil einer Karstlandschaft. Wasser konnte über Millionen Jahre hinweg in Risse und Spalten des Gesteins eindringen und diese allmählich erweitern.
So entstanden die für Kalksteingebiete typischen Formen:
Höhlen.
Spalten.
Felswände.
Überhänge.
Unregelmäßige Karstformationen.
Und schließlich die Landschaft, die wir heute als Wawa Gorge kennen.
Die geologische Beschaffenheit des Gebietes ist dabei wissenschaftlich besonders interessant. Das Montalban Limestone wurde bereits in den 1980er Jahren als geologisch bedeutendes Schutzgebiet anerkannt. Das Department of Environment and Natural Resources bezeichnet die Region heute ausdrücklich als einen wichtigen Ausgangspunkt der philippinischen Geoheritage Conservation.
Damit ist Wawa nicht einfach nur eine schöne Kulisse.
Die Felsen selbst sind ein Stück Naturgeschichte der Philippinen.
Montalban als geologisches Erbe
Der Begriff Geoheritage klingt zunächst etwas trocken.
Gemeint ist damit aber etwas sehr Interessantes:
Nicht nur historische Gebäude, Kirchen oder archäologische Fundstätten können ein kulturelles Erbe darstellen.
Auch besondere geologische Landschaften können ein Erbe sein, das geschützt und für kommende Generationen erhalten werden sollte.
Montalban gehört zu den Orten, an denen diese Sichtweise auf den Philippinen früh eine Rolle spielte.
Nach Angaben des DENR wurde das Montalban Limestone bereits 1984 vom National Committee on Geological Sciences offiziell als geschützter geologischer Standort ausgewiesen. Das machte die Region zu einem frühen Beispiel für die Anerkennung geologischer Formationen als schützenswertes Naturerbe auf den Philippinen.
Bildnachweis: https://pais.bmb.gov.ph/
Heute gehört die Schlucht zum Pamitinan Protected Landscape, einem Schutzgebiet von rund 609 Hektar.
Dieses schützt nicht nur die Felslandschaft, sondern auch die damit verbundene Natur- und Kulturlandschaft.
Wawa Dam – als Manila noch aus dieser Schlucht trank
Mitten in dieser natürlichen Landschaft steht ein Bauwerk, das selbst Geschichte geschrieben hat:
Wawa Dam.
Der leicht gebogene Damm wurde während der amerikanischen Kolonialzeit gebaut.
Bildnachweis: https://www.reddit.com/
Die Bauarbeiten begannen 1904, und 1909 wurde die Anlage in Betrieb genommen.
Ihr Zweck war nicht Tourismus.
Es ging um etwas viel Grundsätzlicheres:
die Wasserversorgung Manilas.
Wawa Dam war eines der frühen großen Wasserprojekte der amerikanischen Verwaltung und spielte eine wichtige Rolle bei der Versorgung der schnell wachsenden Hauptstadt.
Mit dem weiteren Wachstum Manilas wurde die Kapazität jedoch irgendwann nicht mehr ausreichend. Das Wasserprojekt wurde schließlich durch größere Systeme ersetzt, insbesondere durch die Entwicklung des La-Mesa-Ipo-Angat-Wassersystems.
Wawa verlor damit seine ursprüngliche Funktion und wurde schließlich aufgegeben.
Das Interessante daran:
Heute ist der alte Damm selbst ein touristisches Ziel.
Bildnachweis: Wawa Dam: Modeling in Montalban’s Scenic Beauty – The Tourist Gaze
Ein Bauwerk, das ursprünglich geschaffen wurde, um eine wachsende Stadt mit Wasser zu versorgen, ist inzwischen Teil einer Landschaft, die von Besuchern wegen ihrer Natur besucht wird.
Pamitinan Cave – Geschichte in den Felsen
Noch bedeutender wird die Gegend durch ihre Höhlen.
Bildnachweis: Wandering Den: Pamitinan Cave | Cave of Bernardo Carpio
Eine davon ist die Pamitinan Cave.
Sie ist eng mit der Geschichte der philippinischen Revolution verbunden.
Im April 1895 trafen sich dort Andrés Bonifacio und mehrere Mitglieder des Katipunan.
Der Katipunan war zu diesem Zeitpunkt noch eine geheime revolutionäre Organisation, die gegen die spanische Kolonialherrschaft arbeitete.
In der Höhle wurde eine Erklärung beziehungsweise ein symbolisches Bekenntnis zur Unabhängigkeit abgegeben.
An den Wänden befinden sich bis heute historische Inschriften, darunter die Worte:
„Viva la Independencia Filipina“
Die Höhle wurde damit zu einem Erinnerungsort der philippinischen Unabhängigkeitsbewegung.
Es ist bemerkenswert, wie eng hier Geologie und Geschichte miteinander verbunden sind.
Der Kalkstein, der Millionen Jahre zuvor unter anderen Umweltbedingungen entstand, wurde Jahrtausende später zum Schutzraum für Menschen.
Und schließlich wurde genau dieser Ort Teil der Geschichte der philippinischen Revolution.
Bernardo Carpio – der Riese zwischen den Bergen
Noch älter als die historische Erinnerung ist die Legende.
Wawa und die umliegenden Berge werden mit Bernardo Carpio verbunden, einer der bekanntesten Gestalten der philippinischen Volksmythologie.
Bildnachweis: Bernardo Carpio : The Mountain Stopper - Mythlok
Nach der Legende war Bernardo Carpio ein außergewöhnlich starker Mann beziehungsweise Riese, der zwischen den gewaltigen Felsen gefangen gehalten wurde.
Wenn er versucht, sich zu befreien, sollen die Berge erschüttert werden.
Auf diese Weise wurde die Legende sogar mit Erdbeben in Verbindung gebracht.
Die beiden gewaltigen Berge von Montalban wurden so in der volkstümlichen Vorstellung zu den Felsen, zwischen denen Bernardo Carpio gefangen liegt.
Das ist natürlich keine geologische Erklärung für Erdbeben.
Aber es zeigt, wie Menschen versucht haben, eine überwältigende Landschaft mit Geschichten und Vorstellungen zu erklären.
Die gewaltigen Kalksteinwände von Wawa sind geradezu dafür geschaffen, solche Legenden hervorzubringen.
Ein weiteres Kapitel: der Zweite Weltkrieg
Die Geschichte von Wawa endet aber nicht mit der Revolution gegen Spanien.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die schwer zugängliche Landschaft erneut strategisch wichtig.
Die Höhlen und das zerklüftete Gelände boten Schutz und waren Teil der Kämpfe während der Befreiung der Philippinen im Jahr 1945.
Die Region wurde im Verlauf der Kämpfe zu einem Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen japanischen und amerikanischen beziehungsweise philippinischen Kräften.
Die ungewöhnliche Topografie spielte dabei eine wichtige Rolle.
Was für Wanderer heute ein reizvoller Felsen und eine schöne Aussicht ist, war damals ein taktischer Vorteil.
Höhlen konnten als Verstecke und Lager genutzt werden.
Die Felswände boten Deckung.
Die engen Zugänge zur Schlucht erschwerten Bewegungen.
Und die Berge ermöglichten Beobachtung und Verteidigung.
Die Wawa-Gegend wurde damit innerhalb weniger Jahrzehnte gleich mehrfach zum Schauplatz philippinischer Geschichte – zunächst im Kampf gegen die spanische Kolonialherrschaft und später während des Zweiten Weltkriegs.
Vom historischen Ort zum Wochenendziel
Heute sieht die Situation völlig anders aus.
Wawa ist inzwischen ein beliebtes Ausflugsziel für Menschen aus Metro Manila und der näheren Umgebung.
Besonders an Wochenenden und während der warmen Monate kommen zahlreiche Besucher.
Für manche steht die Landschaft im Mittelpunkt.
Andere kommen zum Picknicken oder Baden.
Wieder andere wollen wandern oder einen der beiden Berge besteigen.
Und für Fotografen ist die Kombination aus weißem Kalkstein, dichtem Grün, Fluss und Bergen natürlich besonders attraktiv.
Die Provinz Rizal führt Montalban Gorge offiziell als touristische Naturattraktion. Dort werden unter anderem die weißen Felswände, Kalksteinfelsen und großen Gesteinsblöcke als charakteristische Merkmale der Landschaft hervorgehoben.
Wandern auf den Spuren der Berge
Mount Pamitinan und Mount Binacayan sind heute bekannte Ziele für Wanderer.
Vor allem Mount Pamitinan gilt als vergleichsweise gut zugänglicher Berg für Menschen aus Metro Manila, die erste Erfahrungen mit einer Bergtour sammeln möchten.
Die Landschaft ist allerdings nicht mit einem gewöhnlichen Spaziergang im Park vergleichbar.
Steile Abschnitte, Felsen, teilweise rutschige Wege und Kletterpassagen gehören dazu.
Gerade die Kombination aus Wandern und Klettern macht die Gegend interessant.
Die Kalksteinlandschaft bietet natürliche Felsformationen, die auch für Kletterer attraktiv sind.
Damit hat sich eine Landschaft, die einst vor allem durch ihre Abgeschiedenheit auffiel, zu einem Ziel für verschiedene Formen des Outdoor-Tourismus entwickelt.
Wawa als Naherholungsgebiet
Wer dagegen nicht unbedingt einen Berg besteigen möchte, kann die Landschaft auch wesentlich gemütlicher erleben.
Entlang des Flusses gibt es Bereiche zum Sitzen, Essen und Picknicken.
Lokale Anbieter verkaufen Getränke, Snacks und Lebensmittel.
In der Umgebung haben sich kleine Geschäfte und einfache touristische Einrichtungen entwickelt.
Damit ist Wawa ein gutes Beispiel für eine Form des philippinischen Tourismus, die man auch an vielen anderen Orten findet:
Die Landschaft ist das eigentliche Ziel – und die lokale Bevölkerung entwickelt darum herum kleine Dienstleistungen für die Besucher.
Es geht nicht unbedingt um große Hotels oder luxuriöse Resorts.
Es geht um einen Tagesausflug.
Ein Picknick.
Ein Bad im Fluss.
Eine Wanderung.
Ein paar Stunden in der Natur.
Und natürlich um Fotos.
Die Herausforderung: Natur schützen und Tourismus ermöglichen
Gerade diese Popularität bringt allerdings auch Probleme mit sich.
Eine empfindliche Karstlandschaft ist kein beliebiger Freizeitpark.
Kalksteinformationen entstehen über geologische Zeiträume, die für den Menschen kaum vorstellbar sind.
Was innerhalb weniger Minuten beschädigt oder beschriftet werden kann, lässt sich nicht einfach wieder herstellen.
Auch Flüsse, Höhlen und die Vegetation des Gebietes sind empfindlich gegenüber zu vielen Besuchern.
Deshalb ist die Entwicklung des Wawa-Gebietes als Protected Landscape besonders wichtig.
Die Herausforderung besteht darin, den Menschen Zugang zu einer außergewöhnlichen Landschaft zu ermöglichen, ohne genau das zu zerstören, weshalb sie überhaupt hierherkommen.
Das gilt auch für die historische Seite.
Eine Höhle mit revolutionären Inschriften ist nicht einfach eine Fotokulisse.
Sie ist ein historisches Dokument.
Und die weißen Felswände sind nicht einfach nur ein schöner Hintergrund für Social-Media-Fotos.
Sie sind ein Teil des geologischen Erbes der Philippinen.
Wawa ist mehr als eine schöne Landschaft
Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz von Montalban Gorge.
Man kann dort einen ganz normalen Sonntagsausflug verbringen und dabei einfach die Landschaft genießen.
Aber wenn man genauer hinschaut, entdeckt man mehrere völlig unterschiedliche Geschichten.
Die Geologie erzählt von einem Meer, das vor Millionen Jahren existierte.
Der Fluss erzählt von der Kraft des Wassers, das sich seinen Weg durch den Kalkstein bahnte.
Die Berge erzählen von der Entstehung der Sierra Madre.
Die Höhlen erzählen von Menschen, die hier Schutz suchten.
Die Inschriften erinnern an den Kampf gegen die spanische Kolonialherrschaft.
Die Legende von Bernardo Carpio erzählt von der Vorstellungskraft der Menschen, die seit Generationen mit dieser Landschaft verbunden sind.
Wawa Dam erinnert an die amerikanische Kolonialzeit und an die frühe Entwicklung der Wasserversorgung Manilas.
Die Spuren des Zweiten Weltkriegs erinnern daran, dass diese scheinbar friedliche Landschaft noch vor wenigen Generationen Schauplatz von Kämpfen war.
Und schließlich erzählt der heutige Tourismus eine ganz moderne Geschichte:
Aus einem abgelegenen Tal ist ein beliebtes Naherholungsgebiet einer der größten Metropolregionen Südostasiens geworden.
Ein Naturdenkmal vor den Toren Manilas
Es gibt auf den Philippinen viele Orte, die spektakulärer, höher oder touristisch bekannter sind.
Aber gerade Wawa Gorge besitzt eine besondere Kombination.
Eine beeindruckende Karstlandschaft.
Einen historischen Damm.
Höhlen.
Revolutionsgeschichte.
Kriegsgeschichte.
Indigene Kultur.
Volksmythologie.
Wandern und Klettern.
Und die Nähe zu Metro Manila.
Das alles findet sich auf engstem Raum.
Vielleicht ist deshalb der Name Wawa – „Eingang“ besonders passend.
Wer durch die Schlucht zwischen Mount Pamitinan und Mount Binacayan blickt, sieht tatsächlich etwas, das wie ein Tor wirkt.
Ein Tor zu einer Landschaft, die auf den ersten Blick nur aus weißen Felsen und grünem Bergwald besteht.
Aber hinter diesen Felsen liegen Millionen Jahre Erdgeschichte.
In den Höhlen steckt die Erinnerung an den Kampf um die Unabhängigkeit.
Am Fluss steht ein Stück amerikanischer Ingenieursgeschichte.
Und zwischen den Bergen lebt eine Legende weiter.
Montalban Gorge ist deshalb nicht einfach ein schöner Ort in der Nähe von Manila.
Es ist ein Ort, an dem man sehen kann, wie eng auf den Philippinen Natur und Geschichte miteinander verbunden sind.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die weißen Kalksteinwände von Wawa bis heute eine solche Faszination ausüben.