Eine aztekische Spur in einer alten Kirche auf den Philippinen?
In der kleinen Küstenstadt Bolinao in der Provinz Pangasinan befindet sich eine der ältesten katholischen Kirchen der Philippinen. Die dem Apostel Jakobus dem Älteren geweihte St. James the Great Parish Church ist nicht nur wegen ihres Alters und ihrer wechselvollen Geschichte bemerkenswert. Im Inneren verbirgt sich ein ungewöhnliches kunsthistorisches Detail, das eine Verbindung zu einer weit entfernten Kultur vermuten lässt: den Azteken Mexikos.
Bildnachweis: BOLINAO PANGASINAN TRAVEL GUIDE 2025 - The Queen's Escape
Eine Kirche aus dem frühen 17. Jahrhundert
Die Geschichte der Kirche reicht bis ins Jahr 1609 zurück. Zu dieser Zeit errichteten die Augustiner-Rekollekten in Bolinao eine Kirche, deren Baumaterialien überwiegend aus der unmittelbaren Umgebung stammten. Dazu gehörten Holz, Steine und vor allem dunkle Korallensteine, die dem Bauwerk bis heute sein charakteristisches Erscheinungsbild verleihen.
Die Kirche war über die Jahrhunderte hinweg nicht vor Katastrophen geschützt. Im Jahr 1788 beschädigte ein schweres Erdbeben den Glockenturm erheblich und ließ einen Teil davon einstürzen. 1819 wurde das Kirchenkloster durch ein Feuer zerstört. Am 7. Mai 2009 richtete der Taifun Emong erneut schwere Schäden an.
Trotz dieser Ereignisse blieb die Kirche ein bedeutendes religiöses und historisches Zentrum der Gemeinde. Reparaturen und Restaurierungen sorgten dafür, dass wesentliche Teile des alten Bauwerks erhalten blieben.
Ein ungewöhnlicher Seitenaltar
Besondere Aufmerksamkeit verdient ein kleiner Seitenaltar, der sich im Baptisterium, also im Taufraum der Kirche, befindet. Er wird als Retablo Minor bezeichnet.
Seine auffälligsten Elemente sind geschnitzte menschliche Gesichter mit weit geöffneten Mündern und herausgestreckten Zungen. Diese Darstellungen unterscheiden sich deutlich von den üblichen christlichen Ornamenten und Figuren, die man in spanisch-kolonialen Kirchen der Philippinen erwartet.
Bildnachweis: Facebook - Romeo del Carmen
Wegen ihrer ungewöhnlichen Gestaltung wurden sie wiederholt mit Darstellungen aus der präkolumbischen Kunst Mexikos in Verbindung gebracht. Insbesondere werden Ähnlichkeiten mit den Bildmotiven zweier Gottheiten der aztekischen Kultur erwähnt.
Eine davon ist Tonatiuh, die Sonnengottheit der Azteken. Die andere ist Tlaltecuhtli, eine mit der Erde verbundene Gottheit, die in der aztekischen Vorstellungswelt eine wichtige Rolle spielte.
Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Gottheiten und nicht um alternative Namen derselben Figur. Ob die geschnitzten Gesichter tatsächlich auf bestimmte religiöse Darstellungen aus Mexiko zurückgehen, ist allerdings nicht wissenschaftlich gesichert.
Auch die Vermutung, dass der kleine Altar selbst aus Mexiko nach Bolinao gebracht wurde, sollte mit Vorsicht betrachtet werden. Eine eindeutige Herkunftsdokumentation ist bislang nicht bekannt.
Die Verbindung zwischen Mexiko und den Philippinen
Eine solche Herkunft wäre zumindest historisch durchaus denkbar.
Zwischen 1565 und 1815 bestand eine regelmäßige Handelsverbindung zwischen Manila und Acapulco in Mexiko. Die sogenannten Manila-Galeonen überquerten den Pazifik und verbanden damit die spanischen Besitzungen in Asien und Amerika.
Auf diesen Schiffen wurden nicht nur Waren transportiert. Mit ihnen reisten auch Menschen, religiöse Gegenstände, Kunsthandwerker und kulturelle Einflüsse zwischen den beiden weit voneinander entfernten Regionen.
Die Philippinen waren über mehr als zwei Jahrhunderte eng mit dem spanischen Kolonialgebiet in Neuspanien verbunden. Manila war dabei ein wichtiger Umschlagplatz für den Handel zwischen Asien und Amerika.
Dass sich mexikanische Einflüsse auch in der religiösen Kunst der Philippinen niederschlugen, ist deshalb grundsätzlich nachvollziehbar. Ob der Seitenaltar von Bolinao tatsächlich ein konkretes Zeugnis dieses Austausches darstellt, bleibt jedoch eine offene Frage.
Ein kleines Detail mit einer großen Geschichte
Die St. James the Great Parish Church ist ein Beispiel dafür, wie vielschichtig das historische Erbe der Philippinen ist.
Hinter einer alten Kirchenmauer kann sich eine Geschichte verbergen, die weit über die spanische Kolonialzeit hinausreicht und möglicherweise bis nach Mittelamerika führt.
Gerade solche ungewöhnlichen Einzelheiten machen historische Bauwerke interessant. Sie erinnern daran, dass die Philippinen über Jahrhunderte nicht isoliert existierten, sondern Teil eines weitreichenden Netzes aus Handelsbeziehungen, Migration und kulturellem Austausch waren.
Ob die geschnitzten Gesichter in Bolinao tatsächlich aztekischen Ursprungs sind, bleibt offen. Allein die Frage nach ihrer Herkunft macht diesen kleinen Seitenaltar zu einem bemerkenswerten Detail philippinischer Kulturgeschichte.

