Wenn man an die kulturellen Einflüsse denkt, die die Philippinen geprägt haben, fallen einem zunächst wahrscheinlich Spanien, die Vereinigten Staaten, China oder die islamische Welt ein. Weniger bekannt ist dagegen, dass bereits lange vor der Ankunft der Spanier kulturelle Vorstellungen, Begriffe und religiöse Motive aus dem weiteren indischen Kulturraum ihren Weg in den philippinischen Archipel gefunden hatten.
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Dabei gab es niemals ein „indisches Kolonialreich“ auf den Philippinen. Es kamen keine indischen Eroberer, die den Archipel politisch beherrschten. Stattdessen gelangten Ideen, Waren, religiöse Vorstellungen und Begriffe über die alten Handelsnetzwerke Süd- und Südostasiens auf die Inseln.
Kultur reiste schneller als Eroberung.
Und genau darin liegt ein besonders interessanter Teil der frühen Geschichte der Philippinen.
Die Philippinen im Netzwerk des Indischen Ozeans
Die Philippinen lagen zwar am östlichen Rand der großen Handelswelt des Indischen Ozeans, waren aber keineswegs von ihr abgeschnitten.
Über Jahrhunderte verbanden Handelsrouten den indischen Subkontinent mit Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Kambodscha, Vietnam, der Malaiischen Welt und schließlich dem südostasiatischen Inselraum. Über diese Handelsbeziehungen wurden nicht nur Waren transportiert.
Mit Händlern, Seefahrern und Migranten reisten auch Sprachen, religiöse Vorstellungen, politische Konzepte, Geschichten, Symbole und kulturelle Praktiken.
Die Philippinen waren Teil dieses weitgespannten Austauschs, auch wenn die Einflüsse hier eine andere Entwicklung nahmen als etwa in Java, Bali oder Kambodscha.
Dort entstanden mächtige hinduistische und buddhistische Reiche. Auf den Philippinen hingegen scheint der Einfluss wesentlich stärker in lokale Gesellschaften aufgenommen und mit bereits vorhandenen Vorstellungen verbunden worden zu sein.
Das Ergebnis war deshalb keine „hinduistische Philippinen“, sondern eine philippinische Kultur mit einzelnen südasiatischen und südostasiatischen Einflüssen.
Sanskrit – unsichtbare Spuren in den philippinischen Sprachen
Eine der faszinierendsten Spuren ist sprachlicher Natur.
Mehrere Wörter, die heute ganz selbstverständlich zu philippinischen Sprachen gehören, werden mit Sanskrit beziehungsweise mit dem über Südostasien vermittelten indischen Kulturraum in Verbindung gebracht.
Dazu gehören beispielsweise:
- Bathala – eine Bezeichnung für eine höchste göttliche Macht
- diwata – ein über devatā verwandter Begriff für eine übernatürliche bzw. göttliche Wesenheit
- karma – heute auch im philippinischen Sprachgebrauch bekannt
- guro – Lehrer, verbunden mit guru
- mukha – Gesicht, mit dem Sanskritwort mukha verwandt
Solche Wörter sind besonders interessant, weil sie nicht unbedingt auf eine direkte Einwanderung aus Indien schließen lassen.
Vielmehr können sie zeigen, dass Begriffe aus dem Sanskrit über mehrere Zwischenstationen durch die Handels- und Kulturwelt Südostasiens weitergegeben wurden.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn ein philippinisches Wort eine Verbindung zum Sanskrit besitzt, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Inder dieses Wort unmittelbar auf eine philippinische Insel gebracht hat. Wahrscheinlicher ist bei vielen solchen Begriffen eine lange Kette kultureller Übertragung durch Südostasien.
Sprache kann deshalb wie ein archäologischer Abdruck längst vergangener Kontakte wirken.
Bathala und die Welt der Diwata
Besonders interessant wird es bei religiösen Vorstellungen.
Die vorspanischen Gesellschaften der Philippinen besaßen eine vielfältige Welt von Gottheiten, Ahnen, Naturwesen und spirituellen Kräften. Die später von spanischen Missionaren verwendeten Begriffe konnten dabei unterschiedliche lokale Vorstellungen zusammenfassen, die keineswegs überall identisch waren.
Bathala ist hierfür ein gutes Beispiel.
Bei den Tagalog wird Bathala in den historischen Quellen als höchste göttliche Macht beschrieben. Gleichzeitig existierte eine Vielzahl anderer übernatürlicher Wesen und lokaler Geistwesen.
Der Begriff diwata weist dagegen deutlich auf die weitere südostasiatische Sprach- und Kulturwelt zurück. Er ist mit Sanskrit devatā verbunden und hat sprachliche Verwandte in zahlreichen Sprachen Südostasiens.
Damit wird eine interessante kulturelle Entwicklung sichtbar:
Ein ursprünglich aus dem indischen Kulturraum stammender Begriff konnte über Jahrhunderte durch verschiedene südostasiatische Gesellschaften wandern und schließlich Teil einer eigenen philippinischen religiösen Vorstellungswelt werden.
Das ist keine einfache Übernahme einer fremden Religion.
Es ist kulturelle Vermischung.
Der Babaylan – Vermittler zwischen den Welten
Auch der babaylan wird häufig im Zusammenhang mit den religiösen Traditionen der vorspanischen Philippinen genannt.
Babaylan waren spirituelle Spezialisten, die je nach Region und Tradition unter unterschiedlichen Bezeichnungen bekannt waren. Sie konnten Rituale durchführen, Heilpraktiken ausüben, mit der Geisterwelt kommunizieren und bei bestimmten Zeremonien eine wichtige gesellschaftliche Rolle übernehmen.
Hier sollte man allerdings vorsichtig sein.
Der Babaylan war kein hinduistischer Priester, und die philippinischen spirituellen Traditionen lassen sich nicht einfach aus dem Hinduismus ableiten.
Es gibt vielmehr gewisse funktionale Parallelen zu religiösen Spezialisten anderer asiatischer Kulturen: die Vermittlung zwischen menschlicher Gesellschaft und einer übernatürlichen Welt, rituelles Wissen, religiöse Zeremonien und teilweise auch Heilpraktiken.
Diese Ähnlichkeiten können interessant sein, beweisen aber keine direkte Abstammung.
Die spirituelle Welt des Babaylan gehört in erster Linie zur eigenen indigenen Tradition der Philippinen.
Gold, Symbole und das geheimnisvolle Kala-Motiv
Noch sichtbarer als Sprache können archäologische Funde sein.
Die frühen Gesellschaften des philippinischen Archipels verfügten über bemerkenswerte Goldschmiedekunst. Besonders die Goldfunde aus verschiedenen Regionen der Philippinen zeigen, dass die damaligen Handwerker nicht isoliert von der übrigen asiatischen Welt arbeiteten.
Ein faszinierendes Motiv ist dabei das sogenannte Kala-Gesicht.
Kala ist in der hinduistischen und südostasiatischen Kunst ein mächtiges, oft furchterregendes Schutzmotiv. Es erscheint unter anderem an Tempeln und Toren und sollte negative Kräfte abwehren.
Darstellungen mit großen Augen, weit geöffnetem Maul und auffälligen Zähnen finden sich in verschiedenen Regionen Süd- und Südostasiens.
Auch auf philippinischen Goldobjekten wurden Motive gefunden, die mit dieser größeren südostasiatischen Bildtradition in Verbindung gebracht werden.
Dabei gilt erneut:
Ein solches Motiv bedeutet nicht automatisch, dass sein Träger Hindu war.
Symbole können reisen, lange nachdem ihre ursprüngliche religiöse Bedeutung verändert wurde.
Ein Schutzmotiv kann übernommen, angepasst und schließlich Bestandteil einer völlig anderen lokalen Kultur werden.
Nicht Kolonisierung, sondern kulturelle Anziehungskraft
Hier liegt vielleicht der interessanteste Unterschied zur späteren spanischen Kolonisierung.
Als die Spanier im 16. Jahrhundert kamen, erfolgte kultureller Wandel zunehmend unter den Bedingungen politischer und militärischer Herrschaft, Missionierung und kolonialer Verwaltung.
Die älteren südasiatischen Einflüsse funktionierten dagegen anders.
Sie waren Teil eines Netzwerks.
Ein Händler brachte vielleicht Waren.
Mit den Waren kamen neue Begriffe.
Mit den Begriffen kamen Vorstellungen.
Mit Vorstellungen kamen Geschichten, Symbole und religiöse Ideen.
Lokale Gemeinschaften übernahmen manches, veränderten anderes und lehnten wieder anderes ab.
Niemand musste dafür ein Reich erobern.
Und dann kam der Islam
Auch der islamische Einfluss auf die Philippinen entwickelte sich über Handelskontakte.
Ab dem Mittelalter erreichten islamische Händler und Missionare den südlichen philippinischen Archipel. Besonders auf Mindanao und im Sulu-Archipel entstanden schließlich islamische Sultanate.
Damit befanden sich die Philippinen an einer kulturellen Schnittstelle mehrerer großer asiatischer Traditionsräume:
indisch-hinduistisch und buddhistisch beeinflusste Südostasien-Kultur, chinesische Handelswelt, islamische Welt und schließlich europäische Kolonialmächte.
Diese Einflüsse lösten einander dabei nicht einfach ab.
Vielmehr überlagerten sie sich.
Was davon heute noch übrig ist
Wer heute durch die Philippinen reist, sieht auf den ersten Blick ein überwiegend christlich geprägtes Land.
Die spanische Kolonialzeit hat Kirchen, Heiligenfiguren, Feste und religiöse Traditionen tief in die heutige Kultur eingeschrieben.
Doch unter dieser sichtbaren Schicht finden sich ältere kulturelle Spuren.
Sie stecken in Wörtern, Namen, Mythen, Symbolen, archäologischen Objekten und überlieferten Vorstellungen.
Und manchmal sind sie erstaunlich unscheinbar.
Ein Wort wie guro.
Ein Begriff wie diwata.
Eine Vorstellung wie karma.
Oder ein altes Schutzmotiv auf einem Goldobjekt.
Es sind keine spektakulären Ruinen eines untergegangenen indischen Reiches.
Es sind vielmehr kleine kulturelle Fingerabdrücke.
Die Hindu-Tempel von heute
Und damit lässt sich auch eine schöne Verbindung zur Gegenwart herstellen.
Denn hinduistische Traditionen sind auf den Philippinen keineswegs nur ein Thema der Archäologie.
In Paco, Manila, existieren bis heute hinduistische Tempel und Gemeinschaften, die Teil des modernen religiösen und kulturellen Lebens der Hauptstadt sind.
Wer sich dafür interessiert, findet in unserem bereits vorhandenen Beitrag unter „Kulturelle Gebäude der Philippinen“ mehr Informationen über diese heutigen hinduistischen Tempel in Manila.
Damit entsteht eine interessante zeitliche Verbindung:
Von den alten Handelswegen Südostasiens über sprachliche und archäologische Spuren bis hin zu lebendigen hinduistischen Gemeinschaften im heutigen Manila.
Das sind allerdings zwei unterschiedliche Geschichten.
Die alten kulturellen Einflüsse erklären nicht die Existenz der heutigen Hindu-Gemeinschaften in Manila. Diese gehören zur modernen Geschichte der Philippinen und haben ihre eigenen Ursprünge.
Trotzdem erinnern beide daran, dass die kulturellen Beziehungen zwischen dem indischen Kulturraum und den Philippinen nicht erst in der Gegenwart begonnen haben.
Kultur reist manchmal weiter als Menschen
Vielleicht lässt sich die Geschichte der hindu-buddhistischen Einflüsse auf die Philippinen am besten mit einem einzigen Gedanken zusammenfassen:
Kultur braucht kein Imperium.
Sie kann mit einem Händler reisen.
Mit einem Schiff.
Mit einem Wort.
Mit einem Schmuckstück.
Mit einer Geschichte.
Mit einem religiösen Symbol.
Und manchmal verändert sie sich auf dem Weg so stark, dass ihre ursprüngliche Herkunft kaum noch erkennbar ist.
Gerade deshalb sind diese Spuren so spannend.
Die Philippinen waren niemals eine indische Kolonie. Es gab hier kein hinduistisches Großreich, das den Archipel beherrschte.
Aber die Inselwelt war Teil eines viel größeren asiatischen Kommunikationsraumes.
Culture traveled faster than conquest.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Erkenntnisse, die uns die frühe Geschichte der Philippinen vermittelt.
