Darangen – Das große Epos der Maranao auf Mindanao

Eine bemerkenswerte literarische Tradition, die weit älter ist als viele schriftlich überlieferte Geschichten des Landes: das Darangen, das große mündlich überlieferte Epos der Maranao im Süden der Philippinen.

Die Maranao leben vor allem rund um den Lanao-See auf Mindanao. Ihr Name wird häufig mit „Menschen des Sees“ übersetzt. Über Generationen hinweg bewahrten sie mit dem Darangen Geschichten, Werte und Vorstellungen ihrer Gesellschaft, lange bevor diese Erzählungen systematisch aufgeschrieben wurden.

Eine Welt aus Helden, Königreichen und alten Traditionen


Bildnachweis: Facebook-Netzfund ohne feste Zuordnung

Das Darangen ist kein einzelnes Märchen, sondern ein umfangreicher Zyklus epischer Gesänge. In zahlreichen Episoden erzählt es von Helden, Herrschern, Kriegern und ihren Familien, von Liebe und Heirat, politischen Bündnissen, Konflikten und Reisen in ferne Länder.

Im Mittelpunkt vieler Erzählungen steht der legendäre Held Bantugan, ein Prinz aus dem Königreich Bumbaran. Er ist für seine Tapferkeit, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und seine Ausstrahlung bekannt. Seine Geschichten führen in eine Welt, in der persönliche Ehre, familiäre Verpflichtungen und das Verhältnis zwischen Herrschern und ihrem Volk eine wichtige Rolle spielen.

Doch das Darangen ist nicht allein eine Sammlung von Abenteuern. Die Erzählungen vermitteln auch Vorstellungen davon, wie Menschen miteinander umgehen sollten, welche Pflichten mit gesellschaftlichem Ansehen verbunden sind und wie Konflikte zwischen Einzelnen und Gemeinschaften entstehen und gelöst werden können.

Mehr als Literatur: ein Spiegel der Gesellschaft

Besonders interessant ist, dass das Darangen Einblicke in die traditionelle Lebenswelt der Maranao bietet. In den Gesängen begegnet man höfischen Umgangsformen, Verwandtschaftsbeziehungen, Heiratsverhandlungen, Festen und Vorstellungen von Ehre und sozialem Rang.

Auch die Sprache selbst besitzt einen besonderen Stellenwert. Das Darangen wird in einer kunstvollen Form des Maranao vorgetragen, mit rhythmischen und poetischen Ausdrucksmitteln. Die Aufführungen konnten viele Stunden dauern und wurden bei besonderen gesellschaftlichen Anlässen vorgetragen. Dabei waren die Sänger nicht bloß Unterhaltungskünstler. Sie trugen Wissen und kulturelle Erinnerungen weiter.


Bildnachweis: Facebook - National Commission for Culture and the Arts

Das Epos zeigt zugleich, wie vielfältig die kulturelle Geschichte der Philippinen ist. Während die spanische Kolonialzeit und das Christentum die Geschichte vieler Regionen des Landes stark prägten, entwickelte sich auf Mindanao eine eigenständige islamisch geprägte Kultur mit ihren eigenen politischen Traditionen, Kunstformen und literarischen Überlieferungen. Das Darangen entstand aus dieser lokalen Kultur und bewahrt Elemente, die sich nicht einfach auf die Geschichte anderer philippinischer Regionen übertragen lassen.

Ein Epos, das über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurde

Die gewaltige Länge des Darangen ist beeindruckend: Es umfasst 17 Erzählzyklen mit insgesamt rund 72.000 Verszeilen. Die vollständige Überlieferung ist deshalb nicht mit einem kurzen Vortrag zu vermitteln. Traditionelle Sängerinnen und Sänger konnten die Geschichten bei Hochzeitsfeiern über mehrere Nächte hinweg vortragen. Dabei waren ein ausgezeichnetes Gedächtnis, eine ausdrucksstarke Stimme und die Fähigkeit gefragt, das Publikum über lange Zeit zu fesseln.

Das Epos wurde überwiegend mündlich weitergegeben. Teile davon existieren jedoch auch in Manuskripten, die mit einer an die arabische Schrift angelehnten Schreibweise aufgezeichnet wurden. Das Darangen entstand bereits vor der Islamisierung der Region im 14. Jahrhundert und lebt bis heute innerhalb einer islamisch geprägten Gesellschaft weiter.

Ein bedrohtes Kulturerbe

Im Jahr 2005 wurde das Darangen von der UNESCO als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt. Seit 2008 steht es auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Diese Anerkennung ist wichtig, denn die Tradition steht vor Herausforderungen. Die alte, anspruchsvolle Sprache ist für viele jüngere Maranao nur noch schwer verständlich. Wenn immer weniger Menschen die Gesänge vollständig beherrschen, droht ein Teil des über Generationen bewahrten Wissens verloren zu gehen.

Das Darangen ist deshalb weit mehr als eine Sammlung alter Heldengeschichten. Es bewahrt Erinnerungen, gesellschaftliche Regeln, Wertvorstellungen und die kulturelle Identität einer Gemeinschaft.

Für mich zeigt dieses Beispiel, wie vielschichtig die Geschichte der Philippinen ist. Neben den bekannten Einflüssen aus Spanien und Amerika existieren auf den Inseln eigenständige kulturelle Welten mit sehr alten Traditionen. Das Darangen erinnert daran, dass Geschichte nicht nur in Büchern, Kirchen und historischen Gebäuden steckt. Sie kann ebenso in der Stimme eines Menschen weiterleben, der eine Geschichte singt, die seine Vorfahren bereits vor Jahrhunderten kannten.

5 „Gefällt mir“

Danke für Deinen Beitrag. Darangen war mir bislang unbekannt.

Ich habe Deinen Beitrag zum Anlass genommen, etwas mehr über das Epos Darangen zu recherchieren. Das Epos weist anscheinend Parallelen zu altindischen bzw. Sanskrit-basierten Texten auf. Ein Hinweis mehr also, dass es bereits lange vor der Ankunft der Spanier und auch des Islams auf den Inseln regen Austausch mit den Nachbarländern bzw. buddhistisch oder. hinduistisch geprägten Reichen wie Sri Vijaya und Majapahit gab.

1 „Gefällt mir“

Genau das ist der interessante Punkt. Die möglichen Verbindungen des Darangen zu altindischen beziehungsweise sanksritgeprägten Erzähltraditionen sind ein weiterer Anlass, die Geschichte der Philippinen nicht erst mit der Ankunft der Spanier beginnen zu lassen.

Über die alten Seehandelswege Südostasiens wurden schließlich nicht nur Waren transportiert, sondern auch religiöse Vorstellungen, Sprachen, Geschichten und kulturelle Einflüsse. Reiche wie Srivijaya und Majapahit waren Teil dieser weitreichenden Verflechtungen. Die Philippinen waren zwar nicht einfach nur deren Bestandteil, aber eben auch keine isolierte Inselwelt.

Deshalb finde ich die Vorstellung, Magellan habe die Philippinen „entdeckt“, historisch ziemlich anmaßend. Er erreichte 1521 ein Archipel, das längst bewohnt war und dessen Menschen ihre eigenen Gesellschaften, Kulturen und Kontakte zur übrigen Region hatten.

Entdeckt wurden die Philippinen allenfalls für die europäische Geschichtsschreibung. Für die Menschen, die dort bereits lebten, gab es nichts zu entdecken – außer den fremden Besuchern.

2 „Gefällt mir“

Sehe ich genauso. Meine Frau sagte, dass sie in der Schule (70er und frühe 80er Jahre) nichts über die vorkoloniale Zeit gelernt haben. Der Geschichtsunterricht hätte mit Magellan begonnen. Das ärgert sie bis heute.

3 „Gefällt mir“

Dass viele Filipinos im Schulunterricht der 70er und 80er Jahre kaum etwas über ihre eigene wahre Geschichte lernten, war kein Zufall, sondern das Resultat gezielter Gehirnwäsche des Marcos-Regimes.

Unter der Diktatur von Ferdinand Marcos Sr. wurde der Lehrplan der Schulen rigoros als politisches Propagandawerkzeug umgeschrieben. Indem man die Geschichtsschreibung erst mit der Ankunft Magellans beginnen ließ, wurde die reiche, vorkoloniale Identität der Filipinos bewusst ausgelöscht.

Ein Volk ohne historisches Selbstbewusstsein, so das Kalkül des Regimes, hinterfragt eine autoritäre Führung deutlich seltener. Gleichzeitig wurden die grausamen Verbrechen der US-Kolonialzeit sowie die pro-amerikanische Rolle der Philippinen im Vietnamkrieg systematisch verschwiegen.

Auch der radikale, revolutionäre Geist der eigenen Nationalhelden wurde im Unterricht stark verwässert, um jeden Funken von Widerstand im Keim zu ersticken. Über die Gegenwart durften Schülerinnen und Schüler ebenfalls nur die Version der glorreichen „Neuen Gesellschaft“ lernen.

Die bittere Realität von Massenarmut, Korruption und der wirtschaftlichen Krise des Landes hatte in den Klassenzimmern keinen Platz. Ebenso blieben die brutalen Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Opposition während des Kriegsrechts ein absolutes Tabu.

Diese jahrzehntelange, staatlich verordnete Zensur prägt das historische Bewusstsein der Philippinen bis heute und öffnet der Desinformation im Netz bis heute Tür und Tor.

1 „Gefällt mir“

Ich vermute dass sich das bis heute nicht großartig verändert hat. Ich habe keine aktuellen Infos zu den Lehrplänen, wenn ich aber an unsere Zeit auf den Philippinen zurück denke, kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Zeit vor Magellan irgendeine Rolle im Unterricht gespielt hätte.
Ich gehe davon aus dass der Einfluss der Kirche auch nicht zu unterschätzen ist, brachte Magellan doch den katholischen Glauben auf die Philippinen.

1 „Gefällt mir“

[quote=„Sagadero, post:5, topic:3579“]

Unter der Diktatur von Ferdinand Marcos Sr. wurde der Lehrplan der Schulen rigoros als politisches Propagandawerkzeug umgeschrieben. Indem man die Geschichtsschreibung erst mit der Ankunft Magellans beginnen ließ, wurde die reiche, vorkoloniale Identität der Filipinos bewusst ausgelöscht.

[/quote]

Schon zu amerikanischer Zeit begann die phil Geschichte mit der sogenannten Entdeckung. Die Geschichtsbücher haben auch den phil-US Krieg unterschlagen. Zu Marcos Sr. Zeiten gab es immer wieder Hinweise auf eine stolze vorkoloniale Geschichte, von Maharlika bis hin zu Tasaday. Ich stimme zu, dass die Geschichtsbücher für Propaganda benutzt worden sind. Vermutlich ein weit verbreitete Gewohnheit, wenn ich an meinen Geschichtsunterricht in den 60er Jahren denke

1 „Gefällt mir“