Wenn man an die Philippinen denkt, verbindet man vieles mit tropischen Inseln, Palmen, Reisfeldern und dem Meer. Alaska dagegen scheint kaum weiter entfernt sein zu können.
Und doch gibt es in der Geschichte der philippinischen Migration ein bemerkenswertes Kapitel, das genau diese beiden Welten miteinander verbindet.
Es handelt von Männern, die jedes Jahr den Pazifik überquerten, um im Sommer in den Fischfabriken Alaskas zu arbeiten. Sie wurden „Alaskeros“ genannt.
Sie kamen aus den Philippinen oder gehörten zur ersten Generation philippinischer Migranten in den USA. Im Sommer arbeiteten sie in den riesigen Lachskonservenfabriken Alaskas. Nach Ende der Saison kehrten viele von ihnen nach Seattle oder an andere Orte an der amerikanischen Westküste zurück, wo sie auf Farmen und Feldern arbeiteten.
Ihre Geschichte ist eine Geschichte harter Arbeit – aber auch eine Geschichte von Diskriminierung, Ausbeutung, Gemeinschaft und schließlich erfolgreichem Widerstand.
Wie Filipinos nach Alaska kamen
Bildnachweis: Facebook - Pelagio Valdez
Der historische Hintergrund beginnt mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der amerikanischen Übernahme der Philippinen im Jahr 1898.
Filipinos waren damals keine amerikanischen Staatsbürger, galten aber als sogenannte US nationals. Dadurch konnten sie vergleichsweise frei in die Vereinigten Staaten reisen und dort arbeiten. Für die amerikanische Industrie bedeutete das den Zugang zu einer neuen, billigen Arbeitskraft.
Die Fischkonservenindustrie Alaskas benötigte jedes Jahr Tausende Arbeiter.
Zunächst hatten vor allem chinesische Arbeiter in den Konservenfabriken gearbeitet. Nach dem chinesischen Ausschlussgesetz von 1882 wurden zunehmend Japaner eingesetzt. Als auch die japanische Einwanderung durch amerikanische Gesetze eingeschränkt wurde, öffnete sich die Tür für philippinische Arbeitskräfte.
Die ersten Filipinos tauchten bereits um 1911 in den Alaska-Canneries auf. In den 1920er Jahren nahm ihre Zahl stark zu. Besonders Seattle entwickelte sich zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die Arbeitskräfte, die jeden Sommer nach Alaska geschickt wurden.
In den späten 1920er Jahren waren Filipinos bereits ein bedeutender Teil der Arbeitsmannschaften.
Und aus diesen Arbeitern entstand schließlich der Name Alaskeros.
Ein Sommer in Alaska
Das Leben eines Alaskero hatte wenig mit dem Alaska zu tun, den wir heute aus Reisefilmen kennen.
Die Männer kamen nicht als Touristen.
Sie kamen zum Arbeiten.
Die Konservenfabriken lagen häufig in abgelegenen Küstengebieten. Während der kurzen Lachssaison musste unglaublich schnell gearbeitet werden.
Die Fische kamen in großen Mengen an.
Sortieren.
Schlachten.
Ausnehmen.
Reinigen.
Verarbeiten.
Einpacken.
Und wieder von vorne.
Die Arbeitsplätze der Filipinos gehörten überwiegend zu den körperlich schwersten und unangenehmsten Tätigkeiten. Die besser bezahlten und qualifizierteren Positionen waren vielfach weißen Arbeitern vorbehalten. Die Industrie war stark hierarchisch und rassistisch organisiert.
Der Name Alaskero bezeichnete deshalb nicht einfach irgendeinen philippinischen Arbeiter in Alaska.
Er wurde zu einem Begriff für eine ganze Generation von Männern, deren Leben vom saisonalen Rhythmus der Fischindustrie bestimmt wurde.
Das System der Contractors
Besonders problematisch war das sogenannte Contractor-System.
Arbeiter wurden nicht unbedingt direkt von der Konservenfabrik eingestellt. Stattdessen beschäftigten sogenannte Labor Contractors ganze Arbeitsmannschaften.
Diese Contractors organisierten die Reise, stellten die Arbeiter zusammen und regelten deren Beschäftigung.
Auf dem Papier schien das praktisch.
In der Realität bot dieses System aber enorme Möglichkeiten für Missbrauch.
Historische Quellen berichten von überhöhten Kosten, Bestechung bei der Vermittlung von Arbeitsplätzen, kontrollierten Ausgaben und anderen Formen der Ausbeutung. Die Arbeiter lebten teilweise in überfüllten und schlechten Unterkünften und waren gegenüber ihren Arbeitgebern und Contractors in einer äußerst schwachen Position.
Das bedeutete: Wer Arbeit wollte, war häufig auf den Contractor angewiesen.
Und wer sich beschwerte, riskierte seinen nächsten Arbeitsplatz.
Mehr als nur Arbeiter
Trotz dieser Bedingungen waren die Alaskeros keine vollkommen mittellosen Menschen.
Für manche jungen Filipinos war die Arbeit in Alaska sogar eine Möglichkeit, sich eine Ausbildung oder ein Studium zu finanzieren.
Sie arbeiteten einige Monate in Alaska und anschließend in den landwirtschaftlichen Betrieben von Washington, Oregon oder Kalifornien.
Das Leben verlief damit nach einem saisonalen Kreislauf:
Alaska im Sommer – Farmarbeit in den übrigen Monaten.
Einige schickten einen Teil ihres Verdienstes an ihre Familien auf den Philippinen.
Andere versuchten, sich in den Vereinigten Staaten ein eigenes Leben aufzubauen.
Viele waren jung und unverheiratet. In Seattle entstand deshalb nach und nach eine bedeutende philippinische Gemeinschaft. Der Gewerkschaftssaal wurde später nicht nur zum Ort der Arbeitssuche, sondern auch zu einem sozialen Mittelpunkt dieser Gemeinschaft.
Die Alaskeros beginnen sich zu organisieren
Irgendwann war für viele Arbeiter klar:
Alleine konnte man wenig erreichen. Gemeinsam vielleicht sehr viel.
Bereits vor 1933 gab es erste Organisationsversuche.
Doch am 19. Juni 1933 entstand in Seattle die Cannery Workers’ and Farm Laborers’ Union (CWFLU).
Bildnachweis: https://depts.washington.edu/civilr/cwflu.shtml
Sie wurde zunächst als Local 18257 der American Federation of Labor (AFL) anerkannt.
Damit entstand eine der ersten und zugleich bedeutendsten von Filipinos geführten Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten.
An ihrer Spitze stand Virgil Duyungan.
Das Ziel war klar:
Bessere Löhne.
Bessere Arbeitszeiten.
Bessere Unterkünfte.
Und vor allem:
Das Ende des ausbeuterischen Contractor-Systems.
„Unity is Strength“
Die jungen Gewerkschafter wussten allerdings, dass sie es mit mächtigen Gegnern zu tun hatten.
Die Contractors wollten ihre Kontrolle über die Arbeitskräfte nicht verlieren.
Und auch außerhalb der Canneries waren Filipinos Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Ende der 1920er Jahre kam es beispielsweise in Washington zu rassistischen Ausschreitungen gegen philippinische Farmarbeiter.
Die Alaskeros entwickelten deshalb eine starke Gemeinschaftskultur.
Ihr Motto lautete:
„Unity is Strength.“
Einheit ist Stärke.
Dieser Gedanke sollte sich schon bald als lebenswichtig erweisen.
Die Ermordung der Gewerkschaftsführer
Bildnachweis: https://depts.washington.edu/civilr/local_7.shtml
Am 1. Dezember 1936 geschah etwas, das die Geschichte der Alaskeros für immer verändern sollte.
Virgil Duyungan, der Präsident der Gewerkschaft, und Aurelio Simon, ihr Sekretär, wurden erschossen.
Die Tat wurde mit dem Widerstand gegen die Gewerkschaft und den Interessen der Labor Contractors in Verbindung gebracht. Historische Unterlagen nennen einen Angehörigen eines Contractors als Täter.
Man könnte meinen, eine junge Gewerkschaft hätte einen solchen Schlag nicht überlebt.
Doch genau das Gegenteil geschah.
Der Tod ihrer beiden Führer führte nicht zum Zusammenbruch.
Er führte dazu, dass sich die Arbeiter noch stärker zusammenschlossen.
Aus der Bedrohung entstand Solidarität.
Aus Local 18257 wird Local 7
1937 verließ die Gewerkschaft die AFL und schloss sich der Congress of Industrial Organizations (CIO) an.
Aus der bisherigen Organisation wurde die United Cannery, Agricultural, Packinghouse, and Allied Workers of America – Local 7.
Damit war der Name geboren, unter dem die Gewerkschaft später weithin bekannt wurde:
Local 7.
Die Gewerkschaft wurde zunehmend stärker.
Und 1938 gelang ein entscheidender Erfolg:
Das bisherige Contractor-System wurde weitgehend abgeschafft und die Einstellung der Arbeiter erfolgte über die Gewerkschaft.
Damit hatte sich das Kräfteverhältnis grundlegend verändert.
Die Alaskeros hatten aus ihrer eigenen Not eine Organisation geschaffen, die tatsächlich etwas bewirken konnte.
Seattle wurde zum Zentrum
Der Gewerkschaftssaal in Seattle war nun mehr als nur ein Ort, an dem man sich für einen Arbeitsplatz meldete.
Er wurde zu einem Zentrum des philippinischen Lebens.
Hier trafen sich Arbeiter.
Hier wurden Arbeitsplätze vermittelt.
Hier wurden politische Fragen diskutiert.
Hier fanden soziale Veranstaltungen statt.
Und hier trafen sich jedes Jahr wieder die Männer, die für die nächste Saison nach Alaska geschickt werden sollten.
Historische Aufnahmen zeigen teilweise große Menschenmengen vor dem Gewerkschaftshaus in Seattle, die auf ihre Abfertigung für die Alaska-Saison warteten.
Man kann sich heute nur schwer vorstellen, welche Bedeutung dieser Ort für die damalige philippinische Gemeinschaft gehabt haben muss.
Der Weg geht weiter
Die Geschichte der Alaskeros endete nicht mit den Erfolgen der 1930er Jahre.
Die Gewerkschaft wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrfach ihre Dachorganisation und ihren Namen.
1937 wurde sie zu Local 7 des CIO.
1950 schloss sie sich der International Longshore and Warehouse Union (ILWU) an.
1951 wurde daraus schließlich ILWU Local 37.
Die Geschichte blieb allerdings konfliktreich.
In den 1950er Jahren geriet die Gewerkschaft unter politischen Druck und wurde unter anderem mit antikommunistischen Auseinandersetzungen konfrontiert.
Und die Gewaltgeschichte wiederholte sich auf erschreckende Weise.
1981 wurden die Gewerkschaftsreformer Silme Domingo und Gene Viernes in Seattle ermordet.
Bildnachweis links: https://www.ateneo.edu/news/2022/09/09/ateneo-art-gallery-open-tandem-martial-law-exhibits
Bildnachweis rechts: https://weareili.org/
Damit lagen fast 45 Jahre zwischen den beiden großen Mordfällen – doch beide gehören zur langen Geschichte des Kampfes philippinischer Arbeiter in Seattle.
Was von den Alaskeros geblieben ist
Heute klingt das Wort „Alaskero“ für viele Filipinos wahrscheinlich fremd.
Dabei steht es für einen wichtigen Teil der philippinisch-amerikanischen Geschichte.
Die Alaskeros waren Migranten.
Sie waren Saisonarbeiter.
Sie waren Studenten.
Sie waren Väter und Söhne, die Geld nach Hause schickten.
Sie waren aber auch Gewerkschafter und Bürgerrechtler.
Und sie waren Teil einer Generation, die sich gegen ein System stellte, in dem Herkunft und Hautfarbe darüber entschieden, welche Arbeit man bekam und wie man behandelt wurde.
Ihre Geschichte zeigt außerdem etwas Bemerkenswertes:
Die philippinische Migration in die Vereinigten Staaten begann nicht erst mit den großen Migrationsbewegungen der Nachkriegszeit.
Sie reicht viel weiter zurück.
Und sie war von Anfang an eng mit Arbeit verbunden.
Von den Philippinen nach Alaska – und zurück
Vielleicht ist genau das der interessanteste Aspekt dieser Geschichte.
Ein junger Filipino konnte vor rund hundert Jahren auf den Philippinen aufbrechen, nach Seattle gelangen, dort für einige Monate Arbeit finden, anschließend mit einem Schiff nach Alaska fahren und dort in einer Fischfabrik Lachse verarbeiten.
Nach wenigen Monaten ging es wieder zurück.
Und im nächsten Jahr begann alles von vorne.
Philippinen – Seattle – Alaska – Seattle – Philippinen.
Ein saisonaler Kreislauf über Tausende Kilometer.
Aus diesem Kreislauf entstand eine Gemeinschaft.
Aus dieser Gemeinschaft entstand eine Gewerkschaft.
Und aus dieser Gewerkschaft entstand ein Stück amerikanischer Arbeits- und Bürgerrechtsgeschichte.
Wenn wir heute über die philippinische Diaspora sprechen, denken wir häufig an Krankenschwestern, Seeleute, Hausangestellte, Pflegekräfte oder die vielen Overseas Filipino Workers der Gegenwart.
Die Alaskeros erinnern uns daran, dass diese Geschichte viel früher begann.
Sie waren einige der Männer, die den Weg bereiteten.
Und vielleicht ist es an der Zeit, dass man sich auch auf den Philippinen wieder an sie erinnert.
Alaskeros – Filipinos, die jeden Sommer nach Alaska gingen und dort nicht nur Lachse verarbeiteten, sondern auch begannen, für ihre eigenen Rechte zu kämpfen.







