Es gibt Nachrichten aus den Philippinen, die weit über den üblichen Tagesmeldungen stehen. Die Ankunft eines traditionellen Tao-Bootes aus Taiwan in Batanes gehört für mich eindeutig dazu. Während viele Schlagzeilen von Politik, Wirtschaft oder Unglücken handeln, erzählt diese Geschichte von gemeinsamer Herkunft, Kultur und einer Verbindung, die Jahrhunderte überdauert hat.
Bildnachweis: Lanyu boat sets sail on historic journey to Philippines’ Batanes - Focus Taiwan
Am 15. Juni 2026 stachen 20 Männer des Tao-Volkes von der taiwanischen Orchideeninsel (Orchid Island/Lanyu) mit einem traditionellen Holzboot in See. Ihr Ziel war die philippinische Inselgruppe Batanes, rund 100 Seemeilen beziehungsweise etwa 185 Kilometer entfernt. Die Route führte durch den berüchtigten Bashi-Kanal, eine Meeresstraße, die für starke Strömungen, hohen Wellengang und oft schwierige Wetterbedingungen bekannt ist.
Das Besondere daran: Es handelte sich um die erste bekannte Überfahrt dieser Art seit rund 300 Jahren. Die Besatzung wollte damit einen alten Seeweg wiederbeleben, der einst die Bewohner von Orchid Island mit den Ivatan von Batanes verband.
Verwandte auf beiden Seiten des Meeres
Die Tao auf Orchid Island und die Ivatan in Batanes gelten als eng miteinander verwandt. Ihre Sprachen weisen große Ähnlichkeiten auf, kulturelle Traditionen überschneiden sich, und beide Völker gehören zur großen austronesischen Sprach- und Kulturfamilie. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die austronesische Expansion vor mehreren tausend Jahren ihren Ausgangspunkt im Raum Taiwan hatte und sich von dort über die Philippinen bis nach Indonesien, Madagaskar und in die entlegensten Regionen des Pazifiks ausbreitete.
Lange bevor heutige Staatsgrenzen zwischen Taiwan und den Philippinen entstanden, waren die Inselgemeinschaften durch Handel, Fischerei, Familienbeziehungen und kulturellen Austausch miteinander verbunden. Regelmäßige Bootsfahrten über den Bashi-Kanal gehörten einst zum Alltag. Erst im Laufe der Jahrhunderte gingen diese Kontakte verloren.
Die „Golden Friendship“
Für die historische Reise wurde ein besonderes Boot gebaut. Die traditionelle Tatala mit dem Namen „Ovayan“ beziehungsweise „Golden Friendship“ ist etwa zwölf Meter lang und wurde von Hand aus Holz gefertigt. An ihrem Bau waren Gemeinschaften aus sechs Dörfern von Orchid Island beteiligt. Insgesamt dauerte das Projekt rund 18 Monate.
Die rot-weiß bemalte Tatala ist weit mehr als nur ein Transportmittel. Traditionell wurden solche Boote für den Fang von fliegenden Fischen genutzt, die bis heute eine zentrale Rolle in der Kultur der Tao spielen. Das neue Boot gilt als die größte jemals gebaute Tatala ihrer Art.
Während der Überfahrt wechselten sich insgesamt rund 60 Teilnehmer beim Rudern ab. Moderne Begleitboote sorgten aus Sicherheitsgründen für Unterstützung, doch die eigentliche Reise wurde bewusst in einem traditionellen Boot durchgeführt.
Emotionale Ankunft in Batanes
Am Nachmittag des 16. Juni erreichte die Expedition den Hafen von Mahatao auf Batanes. Dort wurden die Besucher von den Ivatan herzlich empfangen. Berichte sprechen von einer sehr emotionalen Begegnung, bei der Menschen, die zwar unterschiedliche Staatsbürger sind, sich aber als Angehörige einer gemeinsamen kulturellen Familie verstehen, erstmals seit Jahrhunderten wieder direkt begegneten.
Organisiert wurde die Reise von Syaman Maraos, dem Vorsitzenden der Indigenous Peoples Cultural Foundation in Taiwan. Sein Ziel ist es, die historischen Verbindungen zwischen den indigenen Gemeinschaften des westlichen Pazifiks wieder sichtbar zu machen und den kulturellen Austausch zu fördern. Bereits jetzt gibt es Überlegungen, dass die Ivatan die „Golden Friendship“ im kommenden Jahr zurück nach Orchid Island rudern könnten.
Mehr als nur eine Bootsfahrt
Für die meisten Menschen ist der Bashi-Kanal heute einfach eine Meeresstraße zwischen Taiwan und den Philippinen. Für die Tao und die Ivatan war er jedoch über viele Generationen hinweg eine Brücke.
Gerade deshalb wirkt diese Reise so symbolträchtig. Sie erinnert daran, dass die Geschichte der Philippinen nicht nur aus spanischen Kirchen, amerikanischem Einfluss oder modernen Nationalstaaten besteht. Lange davor existierten bereits hochentwickelte Seefahrerkulturen, die riesige Entfernungen über offene Ozeane überwanden und ganze Inselwelten miteinander verbanden.
Die Ankunft der „Golden Friendship“ in Batanes war deshalb nicht nur eine spektakuläre Seefahrt. Sie war eine Wiederbegegnung zweier Völker, die durch Sprache, Kultur und gemeinsame Vorfahren miteinander verbunden sind – und ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass manche Verbindungen selbst nach 300 Jahren nicht verloren gehen.
