Von den alten Babaylan bis zu den Mananambal von heute
Wenn auf den Philippinen der Name Siquijor fällt, dauert es meistens nicht lange, bis Wörter wie Witchcraft, Sorcery, Magic oder Faith Healing auftauchen.
Die kleine Insel in den Central Visayas hat sich über Jahrzehnte einen geradezu mystischen Ruf erworben. Für manche ist Siquijor die „Insel der Hexen“, für andere die „Healing Island“ – die Insel der Heiler.
Doch zwischen diesen beiden Vorstellungen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Denn die Menschen, die auf Siquijor traditionelle Heilmethoden praktizieren, verstehen sich in der Regel nicht als „Hexen“. Sie nennen sich Mananambal – traditionelle Heiler. Und ihre Geschichte ist wesentlich älter als die Geschichten, die Touristen heute über die Insel erzählen.
Wer die Mananambal verstehen möchte, muss deshalb weit zurückgehen.
Bevor es Siquijor und die Spanier gab
Eine exakte „Geburtsstunde“ der Heilkunst auf Siquijor gibt es nicht.
Und genau hier sollte man vorsichtig sein: Wir besitzen keine schriftliche Quelle, die uns sagt, wann der erste Heiler auf der Insel eine bestimmte Pflanze verwendete oder wann das erste Heilritual durchgeführt wurde.
Was wir aber wissen, ist, dass die philippinischen Gesellschaften lange vor der Ankunft der Spanier eigene Systeme zur Behandlung von Krankheiten und zur Erklärung der Welt besaßen.
In den vorchristlichen Gemeinschaften der Visayas spielten spirituelle Spezialisten eine wichtige Rolle. In vielen Regionen wurden solche Personen als Babaylan bezeichnet.
Sie waren nicht einfach „Ärzte“ im heutigen westlichen Sinn.
Ein Babaylan konnte gleichzeitig Heiler, Kräuterkundiger, religiöser Vermittler, Ritualspezialist und Bewahrer des überlieferten Wissens sein.
Krankheit wurde dabei nicht ausschließlich als körperliches Problem verstanden.
Eine Krankheit konnte beispielsweise auf natürliche Ursachen zurückgeführt werden – auf eine Verletzung, eine Pflanze, eine falsche Ernährung oder andere körperliche Ursachen.
Sie konnte aber ebenso als Folge einer Störung zwischen Mensch, Natur und der geistigen Welt verstanden werden.
Und genau diese Vorstellung ist wichtig, wenn man die spätere Entwicklung der Heiltradition auf Siquijor verstehen möchte.
Pflanzen waren Medizin – aber nicht nur Medizin
Ein wichtiger Bestandteil der traditionellen Heilkunst war und ist das Wissen über Pflanzen.
Blätter, Rinde, Wurzeln, Samen, Harze und andere natürliche Materialien wurden gesammelt, verarbeitet und zu unterschiedlichen Heilmitteln verarbeitet.
Auf Siquijor spielt dabei insbesondere der Mount Bandilaan eine wichtige Rolle.
Das Gebiet rund um den Berg gilt traditionell als besonders reich an Pflanzen, die für Heilzwecke verwendet werden.
Noch heute gibt es Menschen, die sich auf das Sammeln solcher Pflanzen spezialisiert haben. Sie werden teilweise als Mangangalap bezeichnet – Sammler beziehungsweise diejenigen, die die natürlichen Zutaten zusammentragen.
Das bedeutet:
Der Mananambal ist nicht zwangsläufig gleichzeitig derjenige, der alles im Wald sucht.
Hinter der traditionellen Medizin existiert vielmehr ein ganzes Netzwerk aus Menschen mit unterschiedlichem Wissen.
Der eine kennt die Pflanzen.
Der andere kennt ihre Verarbeitung.
Ein anderer kennt bestimmte Massagetechniken.
Und wieder ein anderer besitzt das Wissen über Rituale, Gebete oder bestimmte Formen der Diagnose.
Dann kamen die Spanier
Als die Spanier im 16. Jahrhundert auf die Inseln kamen, existierten diese traditionellen Glaubens- und Heilsysteme bereits.
Die Expedition von Miguel López de Legazpi erreichte Siquijor 1565. Die Spanier nannten die Insel Isla del Fuego – Insel des Feuers.
Der Name hatte allerdings nichts mit Hexerei zu tun.
Nachts leuchteten große Mengen von Glühwürmchen in den Molave-Bäumen der Insel, was den europäischen Beobachtern offenbar so beeindruckend erschien, dass sie der Insel diesen Namen gaben.
Die eigentliche Veränderung begann mit der Christianisierung.
Mit den spanischen Missionaren kam ein neues religiöses Weltbild.
Katholische Priester brachten eine Religion mit, die viele der bisherigen spirituellen Vorstellungen nicht einfach als gleichwertige Tradition akzeptierte.
Traditionelle religiöse Spezialisten konnten nun leicht als heidnisch, abergläubisch oder sogar als gefährlich betrachtet werden.
Und genau hier beginnt ein interessanter Prozess.
Die alten Traditionen verschwanden nicht einfach.
Sie passten sich an.
Aus dem Babaylan wurde nicht einfach ein „Hexer“
Es wäre zu einfach, die Geschichte so darzustellen:
Babaylan → Spanier kommen → Babaylan werden verboten → Mananambal entstehen.
So war es wahrscheinlich nicht.
Traditionen verändern sich normalerweise nicht auf diese Weise.
Vielmehr vermischten sich ältere Vorstellungen mit dem Katholizismus.
Gebete wurden mit Kräuterwissen verbunden.
Christliche Symbole tauchten neben traditionellen Gegenständen auf.
Ein Heiler konnte beispielsweise zu Gott beten und gleichzeitig eine über Generationen weitergegebene Behandlung anwenden.
Auch heute findet man bei manchen Mananambal christliche Bilder und Statuen – etwa Jesus, Maria oder Joseph – neben Heilölen, Kräutern, Amuletten und anderen traditionellen Gegenständen.
Für einen westlichen Beobachter mag das zunächst widersprüchlich aussehen.
Für viele Filipinos ist es das nicht.
Die katholische Religion und ältere Vorstellungen von Heilung können nebeneinander existieren.
Warum gerade Siquijor diesen Ruf bekam
Nun stellt sich natürlich die Frage:
Warum wurde ausgerechnet Siquijor zur „Insel der Hexen“?
Die Antwort hat wahrscheinlich mehrere Bestandteile.
Zum einen war die Insel relativ abgelegen.
Zum anderen existierte dort eine besonders sichtbare und bis heute lebendige Tradition von Heilern.
Und schließlich waren es nicht zuletzt Außenstehende, die aus traditionellen Heilmethoden Geschichten über Hexerei und Zauberei machten.
Schon im kolonialen Denken wurden unbekannte religiöse und medizinische Praktiken schnell als „Aberglaube“ oder „Hexerei“ eingeordnet.
Aus Sicht vieler Einheimischer ist das Bild von der „Hexeninsel“ deshalb eine ziemlich schlechte Beschreibung ihrer tatsächlichen Tradition.
Denn ein Mananambal ist zunächst einmal ein Heiler.
Der Mananambal – mehr als ein Kräuterkundiger
Das Wort Mananambal bezeichnet einen traditionellen Heiler.
Seine Methoden können sehr unterschiedlich sein.
Dazu gehören beispielsweise:
- Heilpflanzen
- Kräuteröle
- Salben und andere Zubereitungen
- traditionelle Massage beziehungsweise Hilot
- Gebete
- Reinigungsrituale
- Amulette
- verschiedene Formen spiritueller Behandlung
- traditionelle Diagnosemethoden
Und damit kommen wir zu einer der bekanntesten Methoden von Siquijor:
Bolo-Bolo
Wer sich mit Siquijor beschäftigt, wird früher oder später auf Bolo-Bolo stoßen.
Dabei sitzt der Patient beziehungsweise die behandelte Person vor dem Heiler.
Ein Glas wird mit Wasser gefüllt. Dazu kommen je nach Tradition beispielsweise ein Stein oder andere Gegenstände.
Der Heiler bläst beziehungsweise arbeitet über dem Wasser und beobachtet anschließend Veränderungen im Glas.
Für den Gläubigen kann daraus eine Diagnose entstehen: Das Wasser soll sichtbar machen, was sich im Körper oder im Umfeld des Patienten befindet.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Nachweis dafür, dass auf diese Weise Krankheiten diagnostiziert oder „negative Energien“ aus einem Menschen entfernt werden können.
Aber genau hier sollte man zwei Dinge auseinanderhalten:
Die medizinische Wirksamkeit einer Methode ist eine wissenschaftliche Frage.
Die kulturelle Bedeutung dieser Methode ist eine andere.
Und als kulturelles Phänomen ist Bolo-Bolo ausgesprochen interessant.
Heilung durch Glauben
Bei vielen traditionellen Heilmethoden auf den Philippinen spielt der Glaube eine wichtige Rolle.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Heiler den Patienten bewusst täuscht.
Für den Heiler kann die Behandlung selbst Teil eines religiösen oder spirituellen Weltbildes sein.
Und für den Patienten kann sie Hoffnung bedeuten.
Gerade dort, wo moderne medizinische Versorgung teuer, weit entfernt oder schwer erreichbar ist, können traditionelle Heiler zusätzlich eine soziale Funktion erfüllen.
Eine ältere Untersuchung über Siquijor zeigte bereits, dass Menschen je nach ihrer Vorstellung von der Ursache einer Krankheit unterschiedliche Wege einschlugen.
Wurde eine Krankheit als natürliche Erkrankung verstanden, ging man eher zum Arzt.
Wurde dagegen eine übernatürliche Ursache vermutet, konnte der Mananambal die erste Anlaufstelle sein.
Das ist ein bemerkenswert pragmatischer Umgang mit zwei unterschiedlichen Gesundheitssystemen.
Und genau dieses Nebeneinander existiert bis heute.
Die berühmte Kräutersuppe von Siquijor
Besonders beeindruckend ist die Herstellung traditioneller Heilmittel während der Holy Week.
Hier kommt Mount Bandilaan wieder ins Spiel.
Während der Fastenzeit sammeln Heiler und Kräutersammler bestimmte Bestandteile in den Bergen, in Wäldern, Höhlen und teilweise auch an der Küste.
2026 berichtete GMA erneut über dieses Ritual.
Die Teilnehmer sammelten über mehrere Freitage während der Fastenzeit Pflanzen und andere Materialien. Am Ende wurden die gesammelten Zutaten verarbeitet und in großen Kesseln mit Kokosöl zu traditionellen Heilmitteln verarbeitet.
Dabei können sehr unterschiedliche Bestandteile verwendet werden – beispielsweise Rinde, Wurzeln, Kräuter und andere natürliche Materialien.
Und das Entscheidende ist:
Diese Arbeit geschieht nicht einfach irgendwann.
Der Zeitpunkt ist Bestandteil der Tradition.
Warum gerade die Karwoche?
Für die Mananambal besitzt die Karwoche eine besondere Bedeutung.
Nach traditioneller Vorstellung verändert sich während dieser Zeit die Beziehung zwischen der sichtbaren und der geistigen Welt.
Besonders Good Friday – Karfreitag gilt als eine Zeit, in der die spirituelle Welt besonders zugänglich sein soll.
Das ist auch der Grund, warum die Sammlung bestimmter Zutaten und die Herstellung bestimmter Heilmittel gerade in dieser Zeit stattfinden.
Eine wissenschaftliche Studie der Silliman University dokumentierte diese Rituale bereits Ende der 1990er Jahre.
Sie beschreibt unter anderem die rituelle Herstellung verschiedener Präparate während der Karwoche.
Dabei wurden auch Zubereitungen dokumentiert, die innerhalb der traditionellen Vorstellung mit Schutz vor beziehungsweise der Behandlung von Sorcery verbunden sind.
Das zeigt sehr deutlich:
Das, was heute als „Healing Festival“ präsentiert wird, ist nicht einfach eine moderne Touristenveranstaltung.
Es besitzt Wurzeln in einer wesentlich älteren Tradition.
Die andere Seite: Sorcery
Und hier wird die Geschichte kompliziert.
Denn traditionelle Heilung und der Glaube an Schaden durch übernatürliche Kräfte gehören auf Siquijor historisch teilweise zusammen.
Es gab und gibt Vorstellungen von Barang, Sumpa, Lumay oder anderen Formen von Sorcery.
Aber auch hier ist Vorsicht geboten.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mananambal automatisch an Hexerei glaubt oder selbst „Hexerei betreibt“.
Im Gegenteil:
Eine ältere Untersuchung auf Siquijor zeigte bereits, dass zwar viele Befragte glaubten, dass Sorcery existiert, aber nur ein kleiner Teil tatsächlich glaubte, dass Krankheiten oder Todesfälle auf solche Kräfte zurückzuführen seien.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Der Glaube an eine Möglichkeit ist nicht dasselbe wie die Überzeugung, dass jedes Unglück dadurch verursacht wird.
Die Ponce-Familie und die Diskussion über Kommerzialisierung
Mit der zunehmenden Bekanntheit Siquijors entstand ein neues Problem:
Was passiert, wenn eine jahrhundertealte Heiltradition plötzlich zur Touristenattraktion wird?
Bereits vor Jahren wurde darüber berichtet, dass einige Mananambal bewusst Abstand vom Healing Festival hielten.
Sie sahen die öffentliche Präsentation ihrer Rituale kritisch.
Für sie sollte Heilung etwas sein, das einem Menschen in Not hilft – und keine Show für Touristen.
Andere Heiler sehen die Sache anders.
Für sie bietet das Festival die Möglichkeit, ihre Tradition sichtbar zu halten und jüngeren Generationen weiterzugeben.
Damit entsteht ein interessantes Spannungsfeld:
Tradition bewahren – oder Tradition vermarkten?
Und wahrscheinlich gibt es darauf keine einfache Antwort.
Von der „Hexeninsel“ zum Healing Festival
Mit der Zeit änderte sich auch die öffentliche Wahrnehmung Siquijors.
Aus der geheimnisvollen „Hexeninsel“ wurde zunehmend die Healing Island.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Die Provinz und ihre Gemeinden versuchen inzwischen, die traditionelle Heilkunst nicht nur als mystische Kuriosität darzustellen, sondern als Bestandteil des kulturellen Erbes.
Der jährliche Healing Festival während der Holy Week ist inzwischen ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Insel.
2026 wurde erneut darüber berichtet, dass Heiler und Kräutersammler aus Siquijor und anderen Teilen der Philippinen während der Karwoche zusammenkommen.
Der Mittelpunkt liegt rund um Mount Bandilaan.
Dort werden traditionelle Heilmittel hergestellt, Heiltechniken gezeigt und kulturelle Aktivitäten durchgeführt.
Die Provinz sieht darin mittlerweile sogar einen Bestandteil ihrer zukünftigen Tourismusstrategie.
Und die moderne Medizin?
Interessanterweise muss man die Geschichte nicht als Kampf darstellen:
Traditionelle Heiler gegen Ärzte.
Das wäre zu einfach.
Auf den Philippinen existieren beide Systeme häufig nebeneinander.
Ein Mensch kann morgens einen Arzt aufsuchen und abends einen traditionellen Heiler.
Oder zuerst einen Mananambal besuchen und später einen Arzt.
Oder Kräuter verwenden und gleichzeitig verschriebene Medikamente nehmen.
Die traditionelle Heilkunst ist deshalb nicht einfach verschwunden, obwohl Krankenhäuser, Ärzte und moderne Medikamente längst überall auf den Philippinen verfügbarer geworden sind.
Eine Studie zur traditionellen Heilkunst von Siquijor dokumentierte beispielsweise 23 Heiler allein in bestimmten untersuchten Gemeinden.
Weitere Untersuchungen beschäftigten sich später mit anderen Regionen der Insel.
Das zeigt:
Hier handelt es sich nicht um eine ausgestorbene Folklore.
Ein besonders interessantes Beispiel: Toob
Ein schönes Beispiel dafür, wie vielfältig die traditionelle Medizin Siquijors ist, liefert eine wissenschaftliche Untersuchung von Abner Bucol.
Sie beschäftigt sich mit einer traditionellen Behandlung von Zahnschmerzen namens Toob.
Dabei wurden unter anderem erhitzte Samen der Pflanze Datura metel, auf Siquijor auch Katyubong genannt, verwendet.
Der Rauch wurde traditionell zur Behandlung von Zahnschmerzen eingesetzt.
Ob eine solche Anwendung sicher oder medizinisch sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage.
Gerade bei Pflanzen wie Datura ist Vorsicht angebracht, weil sie pharmakologisch aktive und potenziell giftige Inhaltsstoffe enthalten.
Das Beispiel zeigt aber sehr schön, dass die traditionelle Medizin Siquijors keineswegs nur aus „Zaubersprüchen“ besteht.
Ein Teil davon ist tatsächliches, über Generationen weitergegebenes Wissen über Pflanzen und deren Wirkungen.
Was macht einen guten Mananambal aus?
Traditionell ist ein Heiler nicht einfach jemand, der ein paar Kräuter kennt.
Sein Wissen kann viele Bereiche umfassen:
Naturkenntnis
Welche Pflanze wächst wo?
Wann wird sie gesammelt?
Welcher Teil der Pflanze wird verwendet?
Wie wird er verarbeitet?
Körperwissen
Welche Beschwerden lassen sich durch Massage, Wärme oder Pflanzenbehandlung lindern?
Spirituelles Wissen
Welche Gebete und Rituale gehören zur jeweiligen Behandlung?
Soziales Wissen
Welche Beschwerden sind körperlicher Natur und welche werden innerhalb der Gemeinschaft anders interpretiert?
Und schließlich:
Erfahrung.
Vieles wird nicht aus einem Buch gelernt.
Es wird von älteren an jüngere Menschen weitergegeben.
Das Wissen ist nicht für jeden bestimmt
Das ist ein weiterer Punkt, der häufig übersehen wird.
Nicht jeder Mananambal möchte sein Wissen öffentlich preisgeben.
Bei Forschungsprojekten erklärten sich zwar zahlreiche Heiler bereit, ihre Kenntnisse zu teilen, andere lehnten jedoch Fotos oder Videoaufnahmen ab.
Das ist nachvollziehbar.
Denn traditionelles Heilwissen kann innerhalb einer Familie oder Gemeinschaft als etwas Besonderes betrachtet werden.
Es handelt sich nicht einfach um eine Sammlung frei verfügbarer Rezepte.
Manches Wissen wird nur an ausgewählte Nachfolger weitergegeben.
Und gerade deshalb besteht die Gefahr, dass Teile dieses Wissens verschwinden, wenn eine Generation stirbt und kein Nachfolger gefunden wird.
Siquijor heute
Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen.
Die Mananambal sind nicht verschwunden.
Man findet sie noch heute auf Siquijor.
Es gibt traditionelle Kräuterkundige, Hilot-Praktiker, Bolo-Bolo-Heiler und Menschen, die verschiedene Elemente miteinander verbinden.
Manche arbeiten sehr zurückgezogen und behandeln hauptsächlich Menschen aus ihrer Umgebung.
Andere sind inzwischen über soziale Medien oder durch Tourismus bekannt geworden.
Und wieder andere nehmen am Healing Festival teil.
Gleichzeitig verfügt Siquijor natürlich über moderne medizinische Einrichtungen und die Menschen greifen zunehmend auf Ärzte und Krankenhäuser zurück.
Die traditionelle Heilkunst konkurriert also nicht zwangsläufig mit der modernen Medizin.
Sie existiert daneben.
Und dann kommen die Touristen
Das Internet hat die Situation noch einmal verändert.
Videos von Bolo-Bolo-Behandlungen, Fotos von Kräuterkesseln und Geschichten über „witchcraft“ haben Siquijor weltweit bekannt gemacht.
Heute kann ein Tourist gezielt nach einem Bolo-Bolo-Heiler suchen.
Das hätte vor einigen Jahrzehnten vermutlich noch niemand für möglich gehalten.
Und damit kommt wieder die alte Frage zurück:
Was passiert mit einer Tradition, wenn plötzlich Menschen aus aller Welt zuschauen?
Die Silliman-University-Forscher haben bereits vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass Fernsehen und Film den Ritualen zusätzliche nationale und internationale Aufmerksamkeit verschafften.
Teilweise führte die mediale Aufmerksamkeit sogar dazu, dass manche Rituale stärker inszeniert wurden.
Das ist ein faszinierender Vorgang.
Denn eine Tradition kann durch Öffentlichkeit gleichzeitig gerettet und verändert werden.
Siquijor ist keine „Insel der Hexen“
Vielleicht sollten wir deshalb den berühmten Ruf der Insel etwas anders formulieren.
Siquijor ist nicht einfach eine Insel voller Hexen.
Und die Mananambal sind nicht die philippinische Version europäischer Hexen.
Was wir auf Siquijor erleben, ist vielmehr das Überleben einer alten Form von traditionellem Wissen.
Ein Wissen, das sich aus Naturbeobachtung, Pflanzenkunde, Massage, Spiritualität, Ritualen, Gebeten und Gemeinschaft zusammensetzt.
Es wurde durch die Christianisierung nicht vollständig ausgelöscht.
Es wurde verändert.
Es nahm christliche Elemente auf.
Es überlebte die spanische Kolonialzeit.
Es überlebte die amerikanische Zeit.
Es überlebte die Verbreitung moderner Medizin.
Und heute steht es sogar wieder im Mittelpunkt eines offiziellen Kultur- und Tourismuskonzepts der Provinz.
Vom geheimen Wissen zum kulturellen Erbe
Das vielleicht Spannendste an der Geschichte von Siquijor ist deshalb gar nicht die Frage:
„Funktioniert Bolo-Bolo wirklich?“
Darauf kann die moderne Wissenschaft eine entsprechende Antwort geben.
Spannender finde ich eine andere Frage:
Warum glauben Menschen über Generationen hinweg an bestimmte Formen der Heilung – und warum verschwinden solche Traditionen nicht automatisch, wenn moderne Medizin verfügbar wird?
Die Antwort hat wahrscheinlich viel mit Vertrauen zu tun.
Mit Familie.
Mit Gemeinschaft.
Mit Religion.
Mit Natur.
Mit Erfahrung.
Und mit dem Bedürfnis des Menschen, eine Erklärung und Hoffnung zu finden, wenn Krankheit oder Unglück in sein Leben treten.
Genau deshalb sind die Mananambal von Siquijor mehr als eine touristische Attraktion.
Sie sind ein Stück lebendige philippinische Kulturgeschichte.
Die Heiler von Siquijor leben weiter
Im Jahr 2026 kommen während der Holy Week noch immer Heiler und Kräutersammler auf Mount Bandilaan zusammen.
Noch immer werden Pflanzen gesammelt.
Noch immer werden traditionelle Heilmittel hergestellt.
Noch immer werden Gebete gesprochen.
Noch immer gibt es Menschen, die einen Mananambal aufsuchen.
Und noch immer gibt es Menschen, die das alles für Aberglauben halten.
Beide Sichtweisen werden wahrscheinlich auch in Zukunft nebeneinander existieren.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte der Mananambal:
Sie haben sich über Jahrhunderte verändert, ohne vollständig zu verschwinden.
Aus den alten spirituellen Spezialisten der vorspanischen Philippinen wurden keine „Hexen“.
Aus den traditionellen Heilern wurden auch keine Ärzte im modernen Sinn.
Sie wurden etwas Drittes:
Bewahrer eines alten Wissens, das sich immer wieder an die Zeit angepasst hat.
Und vielleicht erklärt das besser als jede Geschichte über Magie, warum Siquijor bis heute als Healing Island bekannt ist.
Ein letzter Gedanke
Wenn wir als Besucher auf Siquijor einem Mananambal begegnen, sollten wir vielleicht nicht zuerst fragen:
„Glaubst du wirklich an Magie?“
Interessanter wäre:
„Was hat dir deine Familie über Heilung beigebracht – und von wem hast du dieses Wissen gelernt?“
Denn hinter dem mystischen Ruf der Insel stehen keine Figuren aus einem Horrorfilm.
Dort stehen Menschen.
Menschen mit Geschichten, Erfahrungen und Wissen, das teilweise über viele Generationen weitergegeben wurde.
Und genau deshalb lohnt es sich, ihnen zuzuhören.
Am besten hört man einfach den Menschen vor Ort zu.
Alle Bilder wurden mit einer KI erstellt




