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Wer auf den Philippinen über einen öffentlichen Markt geht, braucht nicht lange zu suchen, um eine Nähmaschine zu entdecken. Zwischen Gemüseständen, kleinen Garküchen, Reparaturwerkstätten und Verkaufsbuden findet man immer wieder kleine Schneidereien oder Änderungsschneidereien. Manchmal steht dort nur eine einzige Nähmaschine, manchmal sind es mehrere.
Und erstaunlich oft ist es eine alte Singer.
Auch in privaten Häusern begegnet man diesen Maschinen. Die schwarzen, meist noch mit einem Fußpedal und einem großen Schwungrad ausgestatteten Tretmaschinen gehören für viele Filipinos zum vertrauten Bild eines Haushalts. Manche stehen inzwischen nur noch als Erinnerungsstück in einer Ecke. Andere werden tatsächlich noch benutzt.
Damit erzählt eine alte Singer-Nähmaschine auf den Philippinen eine Geschichte, die weit über das Nähen hinausgeht.
Sie erzählt von der weltweiten Verbreitung einer amerikanischen Erfindung, von Heimarbeit und kleinen Familienbetrieben, vom Aufstieg eines internationalen Unternehmens – und davon, wie ein Industrieprodukt zu einem ganz normalen Bestandteil des täglichen Lebens werden konnte.
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Die Nähmaschine wird zum Massenprodukt
Die ersten brauchbaren mechanischen Nähmaschinen entstanden bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Isaac Merritt Singer entwickelte in den 1850er Jahren eine Maschine, die sich wesentlich besser für den praktischen Einsatz eignete und die Grundlage für den späteren Erfolg der Singer Sewing Machine Company bildete.
Der entscheidende Schritt bestand allerdings nicht nur darin, eine funktionierende Maschine zu bauen.
Singer verstand früh, dass eine Nähmaschine nicht ausschließlich ein industrielles Werkzeug sein musste. Sie konnte auch in einem privaten Haushalt, in einer kleinen Schneiderei oder bei einer einzelnen Näherin zum Produktionsmittel werden.
Damit entstand ein riesiger Markt.
Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg begann Singer, seine Geschäfte außerhalb der Vereinigten Staaten massiv auszubauen. Das Unternehmen entwickelte ein internationales Netz aus Niederlassungen, Händlern, Verkäufern, Technikern und Ausbildern.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Singer zu einem weltweit tätigen Unternehmen geworden. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte des Unternehmens kommt zu dem Ergebnis, dass Singer gegen Ende des Jahrhunderts bei Haushaltsnähmaschinen zeitweise einen Anteil von rund 90 Prozent am Weltmarkt erreicht hatte.
Die Nähmaschine war damit längst kein amerikanisches Produkt mehr. Sie war zu einem globalen Konsumgut geworden.
Nicht nur die Maschine wurde verkauft
Der Erfolg von Singer beruhte nicht allein auf der Technik.
Das Unternehmen entwickelte ein ausgesprochen modernes Vertriebssystem. Maschinen wurden vorgeführt, Verkäufer besuchten potenzielle Kunden zu Hause, und das Unternehmen richtete Schulungen und Nähkurse ein.
Besonders wichtig war der Verkauf auf Raten.
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Eine Nähmaschine war für viele Familien eine erhebliche Anschaffung. Durch Teilzahlungen wurde sie trotzdem erreichbar. In manchen Ländern wurde sie damit nicht nur zu einem Haushaltsgegenstand, sondern zu einem Werkzeug, mit dem eine Familie zusätzlich Geld verdienen konnte.
Das Prinzip war einfach:
Eine Frau konnte zu Hause Kleidung nähen, Änderungen durchführen oder andere Näharbeiten übernehmen. Die Maschine kostete Geld, konnte aber gleichzeitig helfen, Einkommen zu erwirtschaften.
Singer verkaufte also nicht nur eine Maschine.
Man verkaufte auch die Vorstellung, dass diese Maschine wirtschaftlich nützlich sein konnte.
Singer auf der ganzen Welt
Dass dieses Konzept nicht nur in den USA funktionierte, zeigt die internationale Geschichte des Unternehmens.
Singer baute Märkte unter anderem in Europa, Lateinamerika, Asien und im Nahen Osten auf. Im Osmanischen Reich war das Unternehmen bereits im 19. Jahrhundert aktiv. In Mexiko entstand ein dichtes Netz von Verkaufsstellen und Mitarbeitern. Dort wurden Frauen sogar von speziell eingesetzten Mitarbeiterinnen im Umgang mit den Maschinen unterrichtet.
Die historische Forschung hat gezeigt, dass Singer in Mexiko teilweise gezielt Frauen als Verkäuferinnen und Ausbilderinnen einsetzte. Das Unternehmen verband die Nähmaschine mit häuslicher Arbeit, Ausbildung und der Möglichkeit, mit dem Nähen Geld zu verdienen.
Ähnliche Strategien wurden auch in anderen Ländern verwendet.
Die Singer-Nähmaschine war deshalb nicht einfach ein Gegenstand, der überall nach demselben Muster verkauft wurde. Das Unternehmen versuchte, seine Verkaufsstrategie an die jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse anzupassen.
Das war ein wichtiger Bestandteil seines weltweiten Erfolges.
Und dann kam Singer auf die Philippinen
Dass Singer auch auf den Philippinen früh präsent war, lässt sich sogar anhand historischer Werbung nachweisen.
Das Smithsonian-Institut führt eine Singer-Handelskarte aus dem Jahr 1892 in seinen Sammlungen auf. Sie trägt den Titel „Manila“ und zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau beim Arbeiten mit einer Singer-Nähmaschine.
Das ist ein bemerkenswert frühes Zeugnis dafür, dass der philippinische Markt für Singer bereits Ende des 19. Jahrhunderts interessant war.
Doch die eigentliche Überraschung kommt einige Jahrzehnte später.
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Der philippinische Markt war außergewöhnlich groß
Im Juni 1938 erschien im American Chamber of Commerce Journal von Manila ein Artikel mit dem Titel „Sewing Machine Business“.
Der Autor beschrieb darin das Geschäft von Singer auf den Philippinen und bezeichnete die philippinische Singer-Vertretung als eine der größten der Welt – möglicherweise sogar als die größte, gemessen am Geschäftsvolumen.
Besonders interessant ist der direkte Vergleich:
Die Zeitschrift schrieb, dass keine Singer-Vertretung in Indien ein vergleichbares Volumen erreiche. Auch in keinem einzelnen südamerikanischen Land, und selbst im bevölkerungsreichen Mexiko, sei das Geschäftsvolumen der dortigen Singer-Vertretung so groß wie auf den Philippinen.
Das ist eine bemerkenswerte Feststellung.
Die Philippinen waren also nicht einfach irgendein kleiner Markt für das amerikanische Unternehmen. Bereits in den 1930er Jahren hatte Singer hier eine außergewöhnlich starke Marktstellung.
Warum gerade die Philippinen?
Eine einzelne einfache Erklärung dafür gibt es wahrscheinlich nicht.
Die Philippinen verfügten bereits über eine lange Tradition der Textilherstellung, des Nähens und der handwerklichen Verarbeitung von Stoffen. Gleichzeitig entstand mit der zunehmenden Urbanisierung ein wachsender Bedarf an Kleidung, Reparaturen und Änderungen.
Eine Nähmaschine konnte dabei ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Sie konnte in einer Familie eingesetzt werden, um Kleidung herzustellen oder zu reparieren.
Sie konnte einer Näherin als Arbeitsgerät dienen.
Sie konnte Bestandteil eines kleinen Geschäfts werden.
Oder sie konnte einfach eine Möglichkeit sein, eine Tätigkeit schneller und effizienter zu erledigen, die vorher vollständig von Hand ausgeführt worden war.
Gerade in einem Land, in dem kleine Familienbetriebe und selbstständige Erwerbsarbeit eine so große Rolle spielen, konnte eine solche Maschine einen praktischen Wert besitzen, der weit über ihren ursprünglichen Kaufpreis hinausging.
Die Singer als Werkzeug für kleine Unternehmen
Wenn man heute durch einen philippinischen Markt geht, lässt sich dieser Gedanke noch immer beobachten.
Ein kleiner Einblick in diese kleinen Schneidereien auf dem Cogon Markt in Cagayan de Oro in der 2. Etage.
Da sitzt beispielsweise eine Schneiderin oder ein Schneider an einer kleinen Nähmaschine und nimmt Änderungen an Kleidungsstücken vor.
Ein Hosenbein muss gekürzt werden.
Eine Naht ist aufgegangen.
Ein Reißverschluss muss ersetzt werden.
Ein Kleidungsstück soll enger oder weiter gemacht werden.
Für solche Arbeiten braucht man keine große industrielle Textilfabrik.
Eine kleine Werkstatt, etwas Platz und eine zuverlässige Nähmaschine können genügen.
Und genau hier zeigt sich eine Besonderheit der alten Tretmaschinen.
Sie benötigen keinen elektrischen Motor.
Der Antrieb erfolgt mit dem Fuß über das Pedal, das über einen Riemen mit dem großen Schwungrad verbunden ist.
Das macht die Maschine unabhängig von einer Steckdose.
In einer kleinen Werkstatt oder einem Marktstand kann das durchaus ein Vorteil sein.
Die Maschine im Haus
Noch interessanter wird es, wenn man nicht auf die Geschäfte, sondern auf die Häuser schaut.
In vielen philippinischen Familien wurden Nähmaschinen über Jahrzehnte aufbewahrt. Manche wurden von der Mutter an die Tochter oder innerhalb der Familie weitergegeben.
Damit wurde die Maschine zu einem Haushaltsgegenstand mit einer persönlichen Geschichte.
Sie konnte Kleidungsstücke für Kinder herstellen, Schuluniformen reparieren oder bei der Herstellung von Arbeitskleidung helfen.
Und manchmal blieb sie einfach deshalb erhalten, weil sie zu einer Familie gehörte.
Dass dies keine reine Erinnerung aus vergangenen Zeiten ist, zeigt ein dokumentiertes Beispiel aus Guimaras.
Das Cultural Mapping Project der University of the Philippines Visayas hat eine Singer-Tretmaschine der Familie Frondosa in Barangay Rizal bei Jordan als bewegliches Kulturerbe aufgenommen.
Die Maschine wurde über Generationen weitergegeben und war über Jahrzehnte aktiv im Einsatz. Mit ihr wurden unter anderem Arbeitsuniformen für Beschäftigte der Guimaras Bulk Sugar Installation hergestellt. Nach Angaben der Familie wurde auf dieser Maschine sogar einmal ein Hut für den damaligen Präsidenten Diosdado Macapagal ausgebessert.
Die Maschine trägt eine Singer-Jubiläumsmarke zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens.
Heute ist sie nicht mehr in Gebrauch und befindet sich bereits in einem schlechten Erhaltungszustand.
Aber gerade deshalb ist sie interessant.
Sie zeigt, wie aus einem industriell gefertigten Massenprodukt ein Familienerbstück werden konnte.
Singer war nicht nur Singer
Natürlich darf man dabei nicht den Eindruck erwecken, dass jede alte Nähmaschine auf den Philippinen eine Singer ist.
Es gab und gibt auch andere Hersteller.
Die Bedeutung von Singer liegt vielmehr darin, dass das Unternehmen sehr früh ein weltweites Vertriebs- und Servicenetz aufbaute und seine Maschinen dadurch in unzählige Haushalte und kleine Betriebe brachte.
Die schwarze Singer-Tretmaschine wurde dabei zu einem geradezu ikonischen Erscheinungsbild.
Für viele Menschen ist sie bis heute sofort als Nähmaschine erkennbar.
Eine Maschine verändert die Arbeit
Die Bedeutung der Nähmaschine lässt sich leicht unterschätzen, weil sie heute so selbstverständlich erscheint.
Vor der mechanischen Nähmaschine musste Kleidung überwiegend von Hand genäht werden. Das war zeitaufwendig.
Die Maschine ersetzte die Handarbeit natürlich nicht vollständig. Aber sie veränderte die Geschwindigkeit und die Möglichkeiten der Arbeit grundlegend.
Aus einer Tätigkeit, die sehr viel Zeit beanspruchte, konnte eine produktive Erwerbsarbeit werden.
Eine Frau konnte beispielsweise für mehrere Familien nähen.
Eine kleine Schneiderei konnte Aufträge übernehmen.
Ein Haushalt konnte Kleidungsstücke selbst herstellen.
Und aus einer Nähmaschine konnte ein kleines Unternehmen entstehen.
Damit wurde die Maschine in vielen Ländern zu einem Werkzeug wirtschaftlicher Selbstständigkeit.
Ein globales Produkt mit einem lokalen Leben
Das eigentlich Bemerkenswerte an der Geschichte der Singer-Nähmaschine ist deshalb nicht, dass ein amerikanisches Unternehmen seine Produkte weltweit verkaufte.
Bemerkenswert ist, was anschließend mit diesen Maschinen geschah.
In Mexiko wurden sie Teil von Nähschulen und der beruflichen Ausbildung.
Im Osmanischen Reich wurden sie zu einem wichtigen Konsumgut für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen.
In vielen anderen Ländern wurden sie Bestandteil von Haushalten und kleinen Werkstätten.
Und auf den Philippinen findet man die Folgen dieser Entwicklung teilweise noch heute.
Die Maschine steht in einer kleinen Schneiderei auf einem öffentlichen Markt.
Sie steht in einem Haus.
Sie steht vielleicht schon seit Jahrzehnten an derselben Stelle.
Manche werden täglich benutzt, andere nur noch gelegentlich.
Und manche stehen inzwischen still, weil ihre Besitzer inzwischen eine elektrische oder computergesteuerte Maschine verwenden.
Aber selbst eine nicht mehr funktionierende alte Singer erzählt noch etwas über die Menschen, die mit ihr gearbeitet haben.
Von der Weltgeschichte zum philippinischen Alltag
Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser alten Nähmaschinen.
Man muss nicht in einem Museum nach ihnen suchen.
Man kann ihnen auf einem philippinischen Markt begegnen.
Man sieht sie in einer kleinen Änderungsschneiderei.
Man entdeckt sie bei einem Besuch in einem Privathaus.
Und manchmal sitzt tatsächlich noch jemand davor und näht.
Dann wird aus einem Stück Industriegeschichte wieder ein Arbeitsgerät.
Die Singer-Nähmaschine kam aus den Vereinigten Staaten, wurde zu einem der bekanntesten Industrieprodukte ihrer Zeit und verbreitete sich über ein weltweites Handelsnetz.
Auf den Philippinen wurde sie jedoch nicht einfach nur verkauft.
Sie wurde benutzt, weitergegeben, repariert und in den Alltag integriert.
Und genau deshalb kann eine alte schwarze Nähmaschine heute noch etwas über die Geschichte des Landes erzählen.
Nicht aus einem Museum.
Sondern mitten auf dem Markt.



