Piña Cloth auf Panay – Wie aus Ananasblättern ein kostbarer Stoff entsteht

Wer auf den Philippinen eine Ananas sieht, denkt normalerweise an eine süße Frucht. Auf der Insel Panay kann eine Ananaspflanze jedoch auch der Ausgangspunkt für einen der feinsten traditionellen Stoffe des Landes sein.


Dieses Titelbild wurde mit einer KI erstellt

Piña ist ein handgewebter Stoff, dessen Fasern aus den Blättern einer bestimmten Ananassorte gewonnen werden. Das Zentrum dieser traditionellen Handwerkskunst liegt in der Provinz Aklan im Norden der Insel Panay, besonders in und um die Provinzhauptstadt Kalibo.

Seit Jahrhunderten wird dort das Wissen um die Gewinnung der Fasern und das Weben des Stoffes innerhalb der Familien weitergegeben. Im Jahr 2023 wurde die Aklan Piña Handloom Weaving von der UNESCO in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Die Ananas als Ausgangsmaterial

Für die traditionelle Herstellung wird die sogenannte Pinya Bisaya verwendet. Besonders geeignet ist die Sorte Red Spanish, deren Blätter lange, feine Fasern liefern.


Bildnachweis: Piña (Pineapple) Cloth, Philippines — The Textile Atlas

Geerntet werden nicht die Früchte, sondern die ausgewachsenen Blätter der Pflanze. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.

Aus einem Blatt müssen die Fasern zunächst von Hand herausgelöst werden. Dabei wird die äußere Schicht vorsichtig abgeschabt. Für die besonders feinen Fasern wird unter anderem eine Kokosnussschale verwendet.

Bei diesem Vorgang entstehen unterschiedliche Qualitäten. Die gröberen Fasern werden als bastos bezeichnet, während die besonders feinen Fasern liniwan genannt werden. Für hochwertiges Piña-Gewebe sind diese feinen Fasern von besonderer Bedeutung.

Aus vielen Fasern wird ein Faden

Die einzelnen Fasern sind zunächst nur wenige Meter lange, sehr feine Stränge. Sie müssen gereinigt, gewaschen und getrocknet werden.

Danach beginnt eine Arbeit, die kaum noch etwas mit der Vorstellung einer industriellen Textilproduktion zu tun hat.

Die einzelnen Fasern werden von Hand miteinander verbunden. Dabei entstehen lange, kontinuierliche Fäden. Anschließend werden sie auf Spulen vorbereitet und für das Weben eingerichtet.

Schon dieser Arbeitsschritt verlangt viel Geduld und Erfahrung. Eine einzelne Faser ist extrem fein und kann leicht beschädigt werden.

Der Handwebstuhl


Bildnachweis: Piña (Pineapple) Cloth, Philippines — The Textile Atlas

Erst jetzt kommt der eigentliche Webstuhl zum Einsatz.

Traditionell wird Piña auf einem aufrecht stehenden Handwebstuhl gewebt. Die Fäden werden sorgfältig eingespannt und anschließend von Hand miteinander verwoben.

Die Geschwindigkeit ist dabei nicht mit einer modernen Webmaschine vergleichbar. Jeder Meter Stoff entsteht durch die wiederholte Arbeit der Weberin am Webstuhl.

Je nach Qualität und Muster kann die Herstellung eines Stückes Piña Cloth deshalb sehr lange dauern. Bei aufwendig gestalteten Stoffen kommen zusätzlich Muster und Verzierungen hinzu.

Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich leichter, feiner und leicht durchscheinender Stoff mit einem charakteristischen natürlichen Glanz.

Eine Arbeitsteilung innerhalb der Gemeinschaft

Interessant ist, dass Piña nicht einfach von einer Person hergestellt wird.

Traditionell sind verschiedene Menschen an der Herstellung beteiligt: Bauern bauen die Ananas an, andere Personen gewinnen die Fasern, wieder andere übernehmen das Knüpfen, Vorbereiten und Aufspulen der Fäden, bevor die Weberinnen daraus den Stoff herstellen.

In den traditionellen Gemeinschaften waren es besonders häufig Frauen, die am Webstuhl arbeiteten. Das Wissen wurde innerhalb der Familien weitergegeben. Kinder wuchsen mit dem Handwerk auf, beobachteten die älteren Familienmitglieder und erlernten nach und nach selbst die verschiedenen Arbeitsschritte.

Damit ist Piña nicht nur ein Produkt, sondern ein Beispiel für ein über Generationen weitergegebenes lokales Wissen.

Von Kalibo in die Welt

Historisch konzentrierte sich die Piña-Produktion besonders auf die Barangays Old Buswang und New Buswang in Kalibo. Heute wird die Tradition auch in weiteren Gemeinden Aklans gepflegt, darunter Balete, Makato, Tangalan, Banga und Lezo.

Kalibo und Aklan sind dadurch weit über Panay hinaus mit dem Piña Cloth verbunden.

Der Stoff wird für hochwertige Kleidung und insbesondere für traditionelle philippinische Festkleidung verwendet. Bekannt ist er unter anderem als Material für besonders feine Barong Tagalog und andere formelle Kleidungsstücke.

Bildnachweis links: https://www.etsy.com/
Bildnachweis rechts: https://ibarrafilipino.com/

Piña kann außerdem bestickt werden. Solche aufwendig verzierten Stoffe verbinden die Webkunst mit einer weiteren traditionellen Handarbeit.

Ein Stoff mit einem sehr langen Weg

Wenn man ein fertiges Stück Piña Cloth betrachtet, ist kaum vorstellbar, wie viel Handarbeit darin steckt.

Am Anfang steht eine Ananaspflanze.

Dann werden Blätter geerntet, Fasern herausgelöst, gereinigt und getrocknet. Die winzigen Fasern werden miteinander verbunden und zu langen Fäden verarbeitet. Anschließend werden sie für den Webstuhl vorbereitet. Erst danach beginnt das eigentliche Weben.

Aus einem landwirtschaftlichen Abfallprodukt, das bei der Betrachtung einer Ananas zunächst völlig nebensächlich erscheint, entsteht so ein äußerst feines Textil.

Genau diese Verbindung von Landwirtschaft, Handwerk und überliefertem Wissen macht die Piña-Tradition so bemerkenswert.

Eine lebendige Tradition

Die UNESCO bezeichnet die Piña-Weberei ausdrücklich als eine lebendige Tradition. Sie ist nicht nur ein historisches Handwerk, das in Museen gezeigt wird.

Noch heute dient die Herstellung von Piña Cloth den beteiligten Familien und Gemeinschaften als Einkommensquelle. Gleichzeitig wird versucht, das traditionelle Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Dabei spielen auch sogenannte Schools of Living Traditions eine Rolle.

Auch moderne Entwicklungen haben ihren Platz gefunden. In Aklan entstehen neben reinem Piña Cloth beispielsweise textile Produkte, bei denen Piña-Fasern mit Seide, Abaca oder Baumwolle kombiniert werden.

Damit bleibt das Handwerk nicht stehen, obwohl seine grundlegenden Techniken weiterhin auf der traditionellen Handarbeit beruhen.

Eine besondere Anerkennung für Aklan

Die Bedeutung des Handwerks wird inzwischen auch auf offizieller Ebene geschützt.

2023 nahm die UNESCO die Aklan Piña Handloom Weaving in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Und 2025 erhielt Aklan für sein Piña Cloth zusätzlich eine Geographical Indication (GI), mit der die Herkunft und die besonderen Eigenschaften des Produktes mit der Region Aklan verbunden werden.

Damit besitzt Piña heute nicht nur für die Menschen in Aklan einen hohen kulturellen Wert. Es ist zugleich eines der bekanntesten Beispiele für traditionelle philippinische Textilkunst.

Vom Ananasblatt zum Kulturgut

Piña Cloth zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass ein traditionelles Handwerk nicht unbedingt auf spektakuläre Maschinen oder große Produktionsstätten angewiesen ist.

Es sind die kleinen, immer wieder ausgeführten Arbeitsschritte, die am Ende den Wert des Stoffes bestimmen.

Ein Blatt nach dem anderen.

Eine Faser nach der anderen.

Ein Faden nach dem anderen.

Und schließlich Meter für Meter Stoff auf einem einfachen Handwebstuhl.

Auf Panay ist daraus über Generationen eine Handwerkskunst entstanden, die heute zum kulturellen Erbe der Philippinen gehört.

5 „Gefällt mir“

Wiedermal ein spannendes Thema. Danke @suroy-suroy … :+1:

Gibt es Mitglieder, die Kleidunng aus solchem Material benutzen? Was sind die Erfahrungen?

1 „Gefällt mir“

Bei der Hochzeit in den Philippinen habe ich ein Barong Tagalog getragen. Später dann, gehörte dieses Kleidungsstück zu offiziellen Anlässen bei den Knights of Rizal mit einer schwarzen langen Hose und schwarzen Straßenschuhen dazu. Ich habe es gerne getragen, da luftig und über der Hose.

Wie ist es mit der Belastbarkeit des Materials? Und wie wäscht man sowas?

Auch in unserem Forum:

1 „Gefällt mir“