Wer zum ersten Mal auf den Philippinen unterwegs ist, kann leicht ins Stolpern kommen.
Dieses Titelbild wurde mit einer KI erstellt
Da gibt es auf Cebu die Gemeinde Dalaguete – bekannt unter anderem als Ausgangspunkt zum Osmeña Peak.
Und auf der anderen Seite der Tañon Strait, auf Negros Oriental, liegt Dumaguete, die Hauptstadt der Provinz und für viele Besucher das Tor zu den südlichen Visayas.
Auf der Landkarte sehen die beiden Namen verblüffend ähnlich aus:
Dalaguete – Dumaguete
Wer beide Namen zum ersten Mal liest, könnte deshalb vermuten, dass sie sich auch ähnlich anhören. Das tun sie aber gerade nicht.
Und genau hier wird es interessant.
Die Aussprache
Die lokale Aussprache von Dalaguete wird ungefähr wiedergegeben als:
Da-la-get
Das letzte „e“ wird dabei nicht ausgesprochen bzw. praktisch verschluckt.
Bei Dumaguete hört man dagegen:
Du-ma-ge-te
Also ungefähr:
Dalaguete → da-la-GET
Dumaguete → du-ma-GE-te
Ein Reisender, der beide Namen nach der geschriebenen Form ausspricht, kann deshalb schnell korrigiert werden – besonders in Dalaguete.
Mehrere Berichte aus Cebu weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Einheimischen Dalaguete nicht wie Dumaguete aussprechen. Ein Bericht über eine Reise nach Süd-Cebu beschreibt sogar ausdrücklich, dass man als Besucher dort als Erstes lernt, dass Dalaguete nicht wie Dumaguete ausgesprochen wird. Andere Quellen geben die lokale Form als „dalaget“ wieder.
Aber warum?
Dalaguete – der Name eines Baumes
Bei Dalaguete führt die Spur zunächst nicht zu einem Personennamen oder einer spanischen Bezeichnung, sondern zu einem Baum.
Der Name wird mit dalakit bzw. dalaket in Verbindung gebracht, der philippinischen Feige Ficus benjamina – bei uns häufig als Birkenfeige bekannt.
Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte der Ortsnamen in Cebu führt Dalaguete auf „dalakit“ zurück und bezeichnet diese Herleitung als wahrscheinlich historisch.
Der Baum hatte für die Bevölkerung offenbar eine größere Bedeutung als nur die eines gewöhnlichen Gewächses.
Solche Bäume konnten markante Orientierungspunkte sein. Unter ihrem Schatten trafen sich Menschen, wurden Waren ausgetauscht und soziale Aktivitäten abgehalten.
Damit wäre die Entwicklung des Ortsnamens vereinfacht ungefähr:
dalakit / dalaket → Dalaguete
Die heutige Schreibweise ist also das Ergebnis einer langen Entwicklung, in der die ursprüngliche Cebuano-Bezeichnung an die spanische und später an die philippinische Schreibtradition angepasst wurde.
Und warum wird aus „Dalaguete“ dann „Dalaget“?
Hier wird es sprachlich besonders interessant.
Die Schreibweise des Namens entstand nicht nach den Regeln der modernen englischen Sprache.
Während der spanischen Kolonialzeit wurden viele einheimische Wörter und Ortsnamen von spanischsprachigen Geistlichen und Verwaltungsbeamten schriftlich festgehalten. Dabei mussten Laute, für die es im Spanischen keine direkte Entsprechung gab, mit dem vorhandenen spanischen Alphabet dargestellt werden.
Eine Untersuchung zur Sprachgeschichte Süd-Cebus weist ausdrücklich auf die spanische Einwirkung auf die Schreibweise von Dalaguete hin und beschreibt zugleich, dass sich die Aussprache und Sprachmelodie der Bevölkerung von Dalaguete von anderen Cebuano-Varianten unterscheidet.
Noch wichtiger ist aber:
Die Schreibweise und die tatsächliche lokale Aussprache sind nicht dasselbe.
Genau das ist bei vielen philippinischen Ortsnamen zu beobachten.
Ein Name kann auf dem Papier so aussehen, als müsse man jede einzelne Silbe aussprechen – während die lokale Bevölkerung ihn schon seit Generationen anders verwendet.
Bei Dalaguete hat sich die Aussprache Dalaget erhalten.
Dumaguete hat eine ganz andere Geschichte
Bei Dumaguete sieht die Sache anders aus.
Die offizielle Geschichte der Stadt führt den Namen auf das Cebuano-Wort dagit zurück, das etwa „schnappen“, „ergreifen“ oder „an sich reißen“ bedeutet.
Daraus soll dumaguet entstanden sein, im Sinne von „herabschießen“ oder „sich herabstürzen“.
Die Erklärung wird mit den historischen Überfällen von Moro-Piraten auf die Küstenregion in Verbindung gebracht. Gleichzeitig wird erzählt, dass Dumaguete durch seine Lage und seine Anziehungskraft Besucher gewissermaßen „an sich zieht“. Die Stadt selbst verwendet diese Erklärung auf ihrer offiziellen Website.
Interessant ist auch die historische Schreibweise.
Der spanische Offizier Diego López Povedano bezeichnete den Ort bereits 1572 als „Dananguet“.
Auf einer Karte des Jesuiten und Kartographen Pedro Murillo Velarde aus dem Jahr 1734 erscheint dagegen bereits die heute bekannte Form:
Dumaguete.
Das zeigt sehr schön, dass Ortsnamen auf den Philippinen nicht unbedingt von Anfang an in genau der Form existierten, die wir heute kennen.
Aber Vorsicht: Die Geschichte von Dumaguete ist nicht völlig eindeutig
Und hier lohnt sich ein kleiner Blick hinter die übliche Erklärung.
Die Geschichte von den Piraten und dem Wort dagit wird heute sehr häufig wiederholt. Sie ist auch die offizielle Erklärung der Stadt.
Historiker und lokale Autoren haben diese Herleitung allerdings teilweise hinterfragt.
Ein Beitrag des Buglas Writers Journal weist beispielsweise darauf hin, dass die Verbindung zwischen „dagit“ und „Dumaguete“ sprachlich nicht völlig problemlos nachzuvollziehen ist. Auch die angebliche ursprüngliche Form „Dumaguit“ und ihre spätere Umwandlung in „Dumaguete“ werfen Fragen auf.
Das bedeutet nicht, dass die bekannte Geschichte falsch sein muss.
Es bedeutet vielmehr:
Die populäre Erklärung ist eine überlieferte und offiziell verwendete Herleitung, aber die genaue sprachliche Entstehung des Namens ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt.
Und genau solche Fälle sind auf den Philippinen ausgesprochen interessant.
Warum sehen die beiden Namen dann trotzdem so ähnlich aus?
Jetzt kommt der entscheidende Punkt.
Dalaguete und Dumaguete sind keine zwei Varianten desselben Ortsnamens.
Ihre Ähnlichkeit ist vielmehr ein Produkt der Sprachgeschichte.
Beide Namen stammen aus einem Gebiet, in dem Cebuano beziehungsweise verwandte Visayan-Sprachen gesprochen wurden.
Dazu kommt die spanische Kolonialzeit.
Spanische Geistliche und Verwaltungsbeamte mussten jahrhundertelang einheimische Wörter mit dem lateinischen Alphabet niederschreiben.
Dabei entstanden Schreibweisen, die teilweise bis heute erhalten geblieben sind.
Das erklärt auch eine Besonderheit der philippinischen Ortsnamen:
Man darf nicht automatisch von der Schreibweise auf die Aussprache schließen.
Das „gue“ ist dabei besonders interessant
Für deutschsprachige oder englischsprachige Leser sieht
Dalaguete
so aus, als müsse man es einfach Silbe für Silbe lesen:
Da-la-gue-te.
Auch Dumaguete sieht zunächst genauso aus:
Du-ma-gue-te.
Das führt fast automatisch zu der Vermutung:
Wenn beide Namen gleich geschrieben werden, muss auch „gue“ gleich ausgesprochen werden.
Aber die eigentliche Besonderheit liegt nicht unbedingt im „gue“.
Entscheidend ist vielmehr die lokale Aussprache des gesamten Namens.
Bei Dumaguete hat sich die heute allgemein bekannte Form
Du-ma-ge-te
durchgesetzt.
Bei Dalaguete dagegen hört man lokal die verkürzte Form
Da-la-get.
Das letzte „e“ verschwindet praktisch aus der gesprochenen Form. Mehrere Reiseberichte aus Cebu bestätigen genau diese lokale Aussprache.
Noch ein wichtiger Unterschied: Dalaguete hat seine eigene Sprachfärbung
Die Sache wird noch interessanter, wenn man berücksichtigt, dass Süd-Cebu sprachlich nicht einfach eine Kopie des Cebuano von Cebu City ist.
Dalaguete gehört zum südlichen Cebuano-Sprachraum. Untersuchungen zur Sprachvariation in Cebu beschreiben für Dalaguete und die umliegenden Regionen eigene Aussprachemerkmale und eine charakteristische Sprachmelodie.
Die Bevölkerung von Dalaguete bezeichnet sich als Dalaguetenon, und die dort gesprochene Variante des Cebuano weist Besonderheiten auf, die mit der geografischen Lage und der kulturellen Entwicklung der Region zusammenhängen.
Das ist wichtig, weil wir bei Ortsnamen häufig vergessen, dass sie nicht nur auf Karten existieren.
Sie werden von Menschen ausgesprochen.
Und diese Menschen verändern Sprache ganz natürlich über Generationen.
Laute werden verschluckt, Silben verkürzt, Betonungen verschoben und bestimmte Ausspracheformen werden zu einem Merkmal der eigenen Region.
Ein kleiner Test für Besucher
Wer einmal von Cebu City nach Süden fährt, kann es selbst ausprobieren.
Wenn man einen Einheimischen fragt:
„How do you pronounce Dalaguete?“
wird man sehr wahrscheinlich die lokale Form hören:
Da-la-get.
Und wenn man anschließend fragt:
„And Dumaguete?“
kommt:
Du-ma-ge-te.
Damit ist der scheinbare Zungenbrecher plötzlich gar keiner mehr.
Zwei Orte, zwei Geschichten
Vielleicht ist gerade das das Schönste an diesen beiden Namen.
Sie sehen auf einer Landkarte fast wie Geschwister aus:
DALAGUETE
DUMAGUETE
Aber hinter ihnen stehen zwei unterschiedliche Geschichten.
Dalaguete
Der Name wird mit dem dalakit/dalaket-Baum, Ficus benjamina, verbunden.
Die Bäume waren wichtige Orientierungspunkte und Treffpunkte der frühen Bevölkerung.
Die lokale Aussprache hat sich zu „Dalaget“ entwickelt.
Dumaguete
Der Name wird traditionell mit dem Cebuano-Wort dagit und dem Verb dumaguet verbunden.
Die Erklärung verweist auf die historischen Überfälle von Moro-Piraten und das „Herabstoßen“ bzw. „Schnappen“.
Die heutige Aussprache lautet ungefähr „Dumagete“.
Die genaue etymologische Entstehung ist allerdings nicht völlig unumstritten.
Und deshalb sollte man als Besucher genau hinhören
Für uns, die wir Namen zunächst lesen, wirken die beiden Orte fast gleich.
Für einen Cebuano-Sprecher sind sie es nicht.
Und genau darin steckt ein schönes Beispiel dafür, wie lebendig Sprache auf den Philippinen ist.
Ein Ort kann auf dem Straßenschild Dalaguete heißen und trotzdem von seinen Bewohnern Dalaget genannt werden.
Ein anderer Ort heißt Dumaguete – und wird tatsächlich Dumagete ausgesprochen.
Die Schreibweise erzählt uns also nur einen Teil der Geschichte.
Die Aussprache erzählt den Rest.
Und vielleicht ist das auch ein kleiner Tipp für alle, die auf den Philippinen unterwegs sind:
Wenn ein Ortsname auf der Karte irgendwie seltsam aussieht, sollte man ihn nicht automatisch nach deutschen oder englischen Leseregeln aussprechen.
Am besten hört man einfach den Menschen vor Ort zu.
Denn manchmal steckt gerade in einem scheinbar kleinen Unterschied wie
Dalaguete ≠ Dumaguete
ein Stück Sprach-, Kolonial- und Lokalgeschichte.
