Begegnungen, die nur die Philippinen schreiben

Mit den Jahren, die man auf den Philippinen verbringt, beginnt man zu verstehen: Dieses Land sammelt Menschen ein. Manche kommen für zwei Wochen Sonne. Andere für einen Auftrag, ein Projekt, einen militärischen Einsatz. Und dann bleiben sie – wegen eines Lächelns, eines Zufalls, einer Geschichte, die größer ist als sie selbst.

Ich erinnere mich an einen Australier, dem ich vor vielen Jahren begegnete. Ein drahtiger Kerl mit wettergegerbter Haut und dieser Mischung aus Abenteuerlust und Naivität, die nur Einhandsegler besitzen. In den 1980er Jahren wollte er seine große Liebe Rose in Jasaan, Misamis Oriental, auf Mindanao besuchen. Romantischer geht es kaum: Mit der eigenen Segelyacht über den Pazifik, nur mit Kompass, grobem Kartenmaterial und viel Zuversicht.

Was er nicht hatte, war eine exakte Positionsbestimmung.

Er segelte – und segelte – und verfehlte nicht nur Mindanao, sondern die gesamten Philippinen. Wochen später lief er in einem Hafen im Süden Taiwans ein. Dort traf er nicht auf Rose, sondern auf einen Hafenmeister mit sehr konkreten Interessen: Er wollte die Yacht. Man wurde sich einig – auf taiwanesisch-pragmatische Art. Der Australier bekam ein Flugticket auf die Philippinen und seine Ausreiseprobleme „geregelt“. Der Hafenmeister bekam das Boot.

Und irgendwo in Jasaan wartete Rose.

Eine andere Geschichte spielte sich viele Jahre später an einem Strand in Siaton ab. Die Sonne versank glutrot im Meer, vor uns standen ein paar kühle Bierflaschen im Sand. Neben mir saß ein pensionierter UN-Beauftragter. Ein ruhiger Mann mit klaren Augen. Er erzählte von Somalia, von einem Einsatz, der in Geiselhaft endete. Von Wochen der Ungewissheit, Hitze, Angst und dem seltsamen Gefühl, dass das eigene Leben plötzlich in fremden Händen liegt.

Nach seiner Befreiung und weiteren Dienstjahren wurde er auf die Philippinen versetzt. Eigentlich nur eine weitere Station. Doch hier, sagte er, habe er zum ersten Mal wieder so etwas wie Frieden gespürt. Hier habe er seine große Liebe getroffen. Heute betreibt er mit seiner Frau ein kleines, geschmackvolles Strandresort. Kein Protz, kein Lärm. Nur Meer, Palmen und das leise Rauschen der Brandung. Er ist geblieben.

Und dann gibt es diese Begegnungen, die einen selbst in die eigene Vergangenheit katapultieren.

Gestern sprach ich mit einem ehemaligen US-Soldaten. Wir kamen auf unsere ersten Jahre auf den Philippinen zu sprechen. Als ich Anfang der 1980er Jahre nach Mindanao kam, war er auf der Clark Air Base stationiert. Zwei völlig unterschiedliche Perspektiven auf dasselbe Land.

Ich erzählte ihm von jenen Tagen, als Ferdinand Marcos Sr. nach der umstrittenen Wahl 1986 das Land verließ. Wir saßen damals im Haus meiner heutigen Schwiegereltern, dicht gedrängt um ein kleines Transistorradio, und lauschten atemlos den Nachrichten aus Manila. Gerüchte, Aufbruch, Unsicherheit. Niemand wusste, was der nächste Tag bringen würde.

Er sah mich lange an, bevor er antwortete.

Er war dabei.

Er stand auf dem Rollfeld, als Marcos hastig ausgeflogen wurde. Und dann erzählte er leise, fast beiläufig, dass er zu denjenigen gehörte, die Koffer trugen. Schwere Koffer. Gefüllt mit Geld. Mit Gold. Eilig verladen in eine Maschine, die Richtung Hawaii startete.

Während wir in Mindanao gebannt am Radio saßen und Geschichte hörten, stand er mitten in dieser Geschichte.


Bild ist KI erstellt

Ich musste an das Bild denken: nasses Rollfeld im Scheinwerferlicht, Militärmaschinen im Hintergrund, Männer in Uniform, die Metallkisten und Taschen schleppen – nicht ahnend, dass Jahrzehnte später jemand bei einem Bier am anderen Ende des Landes davon erzählen würde.

Es gibt Geschichten, die sich kaum glauben lassen. Und doch sind sie hier Alltag. Die Philippinen sind kein Land der geraden Linien. Es ist ein Land der Umwege, der Zufälle, der zweiten Chancen.

Ein Australier verliert seine Yacht – und gewinnt vielleicht doch seine Liebe.
Ein UN-Mann verliert in Afrika fast sein Leben – und findet am Strand von Negros seinen Frieden.
Ein Soldat trägt Koffer voller Gold – und sitzt Jahrzehnte später entspannt bei einem Gespräch unter tropischem Himmel.

Und wir alle sitzen irgendwann zusammen, tauschen Erinnerungen aus und stellen fest:

Es gibt Geschichten, die kann man nicht erfinden.
Man muss nur lange genug auf den Philippinen bleiben, damit sie einen finden.

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